Rollstuhlcurling : Doping wird zum Thema

Der Schwede Glenn Ikonen soll ein blutdrucksenkendes Medikament eingenommen haben. Dies hat nach Angaben des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) ein Anti-Doping-Test ergeben. Es ist der erste Dopingfall bei den Winterparalympics, aber es gibt Gerüchte über weitere leistungsfördernde Maßnahmen bei Behindertensportlern.

von und Lorenz Vossen
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Beim Curling erwischt. Der Schwede Glenn Ikonen spielte mit Schweden noch gegen Deutschland - jetzt wurde er für zwei Jahre...Foto: dpa

„Feel the Rush“, steht auf der Werbepostkarte des kanadischen Paralympischen Komitee – und sie zeigt einen Rollstuhlcurler auf dem Eis in Aktion: „Es lebe das Adrenalin!“ Nun wird in Kanada ein ganz anderer Rausch diskutiert: Die zehnten Paralympischen Winterspiele haben ihren ersten Dopingfall. Ausgerechnet beim Rollstuhlcurling, einer der in der Eissport-Nation Kanada beliebtesten paralympischen Sportarten. Und ausgerechnet ein 54-Jähriger. Derweil werden in Vancouver Berichte über neuartige, natürliche Methoden bekannt, wie Athleten im Rollstuhlfahrer ihre Leistungsfähigkeit generell versuchen zu steigern.

Der schwedische Nationalcurler Glenn Ikonen soll jedenfalls ein blutdrucksenkendes Medikament eingenommen haben. Dies hat nach Angaben des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) ein Anti-Doping-Test ergeben. Ikonen ist somit automatisch zwei Jahre gesperrt. Der Schwede weist einen Betrugsversuch weit von sich. „Ich bin unglaublich traurig und schockiert“, sagte er der ARD. „Ich habe nicht versucht, irgendwen zu betrügen. Ich hätte nie etwas getan, das illegal ist.“ Sein Arzt habe ihm das Medikament verschrieben, er nehme es seit Jahren ein. Schwedens Teamarzt Magnus Sunblad sagte, dass die Einnahme eines solchen Mittels beim Curling keinen Vorteil verschaffen würde.

Solche Darstellungen bezweifeln aber deutsche Anti-Doping-Experten. So sei es heute nicht mehr möglich, ein positives Testergebnis mit der Einnahme der für die Behinderung notwendigen Medikamente zu rechtfertigen. „Die Sportler bekommen eine Liste mit den verbotenen Substanzen. Decken diese sich mit ihren Medikamenten, müssen sie ihren Arzt nach einem Substitut fragen oder eine Sondergenehmigung beantragen“, sagt Reinhard Küpper,  Arbeitsmediziner und Antidoping-Beauftragter des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). Mit seinem Amtsantritt 2007 wurden, auch im Zuge der Dopingaffäre im Radsport, die Mittel des Bundesministerium des Inneren aufgestockt auf 45.000 statt vormals 20.000 Euro. Die Athleten seien präventiv aufgeklärt. So bekommen beispielsweise die deutschen Sportler laut Küpper beispielsweise USB-Sticks mit neuesten Informationen. Schon vor den Paralympics wurden sie bis zu sieben Mal getestet. Insgesamt werden in Vancouver 425 Tests unternommen - in Turin waren es 2006 noch 242 Tests.

Schweden darf trotzdem im Halbfinale antreten - ohne Ikonen

Dazu kommt das neue elektronische Antidoping-Meldesystem – kurz ADAMS – mit dessen Hilfe die Kontrolleure vor den Spielen den Aufenthalt der Athleten erfragen und unangemeldete Tests durchführen koennen. „Bevor ich auf eine Party gehe, muss ich immer noch schnell an den Computer nachsehen“, sagt Rollstuhlcurler Jens Jäger. Auf potenzielles Doping beim Rollstuhlcurling angesprochen, sagte Jäger nun am Rande des Eises in Vancouver mit einem Lächeln, „das ist total witzlos. Man braucht Konzentration, Kondition, muss das Eis lesen können, muss körperlich fit sein – so viel kann man gar nicht dopen“. Ikonen hatte am Donnerstag im Team gegen Deutschland gespielt, das 3:10 unterlag. Auch bei den vergangenen Paralympics in Peking 2008 war ein Athlet positiv getestet worden: ein deutscher Rollstuhlbasketballer. Er hatte ein Haarwuchsmittel eingenommen, das auf der roten Liste stand.

Unterdessen machen bei den Spielen in Kanada, die noch bis Sonntag in Vancouver und Whistler stattfinden, noch ganz andere Informationen über „Doping“ bei behinderten Leistungssportlern die  Runde: Gelähmte Athleten leiden zumeist unter zu niedrigem Blutdruck – und fühlen oft im Unterleib nichts mehr. So meldet die „Vancouver Sun“, dass „Boosting“ generell bei einigen gelähmten Sportlern beliebt sei, wie Medizinprofessor Dr. Andrei Krassioukov berichtet. Der Wissenschaftler kontrolliert auch Sportler bei den Paralympics, damit sie sich nicht durch unfaire Techniken eine Leistungssteigerung von bis zu 15 Prozent verschaffen. So seien in der Vergangenheit Fälle aufgetreten, bei denen Katheterträger ihre Blase nicht leeren oder sich empfindliche Körperteile abbinden, um den Blutdruck zu steigern. Schmerzen empfinden sie ja nicht.

Die schwedischen Rollstuhlcurler schütten nun aufgrund der aktuellen Meldungen auch so genug Adrenalin aus. Das Team darf am Sonnabend trotz des Dopingfalls das Halbfinale gegen Kanada spielen. Aber ohne Glenn Ikonen.

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