Rollstuhlcurling : Kanadisches "Eiereis"

Volle Zuschauerränge, tolle Stimmung und spannende Spiele: Wie schon bei Olympia begeistert Curling in Kanada die Massen. Auch wenn die Spielregeln bei den Rollstuhlfahrern ein kleines bisschen anders sind.

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Ratlos. Die Kanadier sind im Curling einfach nicht zu schlagen, auch wenn die deutsche Mannschaft bei der 6:8-Niederlage alles...Foto: Thilo Rückeis

Nein, sein Eis kann man sich hier nicht wünschen. „Himbeere, Vanille, Kirsch  - so funktioniert das leider nicht beim Curling“, sagt Jens Jäger, Mannschaftskapitän der deutschen Rollstuhlnationalcurler, mit einem Grinsen im Gesicht. Das wäre ihm beim Spiel gegen den haushohen Favoriten im eigenen Land, Kanada, fast vergangen. Nach einem deutlichen Rückstand zu Beginn des Spiels gleitete das Viererteam im schwarzrotgoldenen Dress dann doch noch auf ein passables Sechs zu Acht gegen die Konkurrenz in Rot heran.

Wollte man in Deutschland die Sportart mit dem geringsten Sexappael küren, Rollstuhlcurling hätte wohl gute Chancen. Die Kanadier sehen das völlig anders, weil sie mit Spielern, Technik, Regelwerk vertraut sind und Curling generell lieben. Das Vancouver Paralympic Center ist daher bei den täglichen Partien randvoll. Und nicht nur das: Das zumeist junge Publikum jubelt auch noch an den richtigen Stellen, die Halle kocht, und das, obwohl da teils grauhaarige Männer zugange sind. „Curling kommt aus Schottland, und viele Kanadier stammen dorther, das ist der Grund“, sagt Peter Douglas aus Ottawa, der als Übersetzer auf der Pressetribüne sitzt. Derweil stampft und schreit sich auch der Curlernachwuchs von der Tyee-Grundschule die Seele aus dem Leib. „Die Schüler kennen sich so gut aus, weil vor den Spielen bei uns Paralympioniken im Unterricht waren und das Regelwerk erklärt haben“, sagt Schulleiter Hugh Blackmann. Schach auf dem Eis, das lässt hier keinen cool.

Es gibt kein Wischen beim Rollstuhlcurling

Der augenscheinlich größte Unterschied zum Spiel der "Fußgänger ist zunächst die Sitzposition der Rollicurler. Der Stein wird vom Rollstuhl aus mit dem Teleskopstab abgegeben. Anders ist auch, dass das Eis ungewohnt leer wirkt: Es gibt keine Wischer. Rollifahrer können nun mal nicht schnell vorneweg rutschen und wedeln. Weswegen die Steine gnadenlos dahin rutschen, wohin sie abgegeben werden, und sich dem Spin gemäß noch sanft  hineindrehen, wenn sie an Fahrt verlieren. Das dumpfe Klack, wenn ein Konkurrentenstein weggekickt wird, erzeugt bei den Curlern das gleiche befriedigende Gefühl wie das höhere Klick bei den Golfern. Wenn man live zuguckt, versteht man das Spiel schnell.

Die Kanadier siegten am Ende vor allem deshalb, weil sie ihre Steine im House besser vor denen der Deutschen abblockten, sie am dichtesten im Innenkreis platzierten. „Wir wollen dem Ahorn im Wettbewerb jetzt aber noch weiter zusetzen“, sagt der deutsche Kapitän Jens Jäger nach dem Spiel. Noch hat Jägers Team die Kanadier auf den vielen internationalen Wettbewerben nicht besiegen können. Doch während frührere Spiele mehr oder weniger unter Ausschluss von Öffentlichkeit stattfanden, sind in Vancouver sogar die Presseränge voll belegt, „wir bekommen ein wenig von dem Spin der Olympischen Spiele mit, das ist großartig“, freut sich Kanada-Kapitän Jim Armstrong. Der 59-Jährige sitzt erst seit drei Jahren wegen Knie- und Rückenproblemen im Rollstuhl. Doch weil er außerhalb des Eises oft ganz normal herumläuft, ist die weltweite Konkurrenz ein wenig irritiert. Doch das ist alles regelgerecht und erlaubt.

Sein deutscher Kontrahent, Jäger, Stadtrat und Behindertenbeauftragter in Rottweil, stört sich an diesem Tag eher an der Spielfläche als an dem vermeintlichen Vorteil des Gegners: Es sei sehr schwierig, das Eis zu lesen, es sei hier völlig unberechenbar. Die Eismeister seien schon im Gespräch mit der Worldcurling Federation wegen dieses „Eiereises“. Dann vielleicht doch lieber Himbeere?

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