Sport : Ronaldo meistert Kahn

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Von Stefan Hermanns

Yokohama. Vielleicht hätten sie Oliver Kahn nach dem Endspiel ehren sollen. Als bester Torhüter der WM hatte der Keeper der deutschen Nationalmannschaft vor dem Finale die Lew-Jaschin-Auszeichnung erhalten, doch vielleicht hätte Kahn den einen und einzigen Fehler nicht gemacht, wenn man ihn ein bisschen später gefeiert hätte. So aber entschied ausgerechnet der beste Torhüter vor 72 370 Zuschauern im International Stadium beim 0:2 im Finale gegen Brasilien die WM. Durch einen Patzer in der 67. Minute. Und ausgerechnet Ronaldo, der beste Fußballer des Turniers, bestrafte Kahn mit seinen beiden Treffern. Die beste Mannschaft dieser WM hatte gewonnen, es war der fünfte Titel für die Brasilianer.

Die Rollen im Endspiel waren schon vor dem Anpfiff verteilt. Deutschland gegen Brasilien, da sollte sich Arbeit mit Kunst messen, die beste Verteidigung mit dem besten Angriff. Doch es muss nicht immer alles so eintreffen, wie es die Experten sagen. Den ersten Hackentrick bot zum Beispiel Bernd Schneider, der Mann aus Leverkusen, der vom gelbgesperrten Michael Ballack die Rolle des Spielmachers übernommen hatte. Er machte eine hervorragende Partie. Sein Team spielte in der ersten Halbzeit überlegen, die unsichere Abwehr der Brasilianer tat ein Übriges dazu. In der zehnten Minute rettete Edmilson im letzten Moment vor Miroslav Klose zur Ecke, später schoss Schneider knapp am Tor vorbei. Das deutsche Team, in dem Jens Jeremies wie erwartet Michael Ballack ersetzte, hatte beeindruckt.

Obwohl sie sich spielerisch zurückhielten, besaßen die Brasilianer die besseren Chancen. In der 19. Minute spielte Ronaldinho einen wunderschönen Pass auf Ronaldo, und da war es dann, das Duell, auf das sich dieses Spiel konzentrieren sollte. Kahn gegen Ronaldo. Das erste gewann der deutsche Torhüter, denn der brasilianische Stürmer kickte den Ball am rechten Pfosten vorbei. Zehn Minuten später wiederholte sich die Szene. Wieder hatte Ronaldinho den Ball in den Strafraum gehoben, doch Ronaldo strauchelte und konnte den Ball nur noch in Richtung Kahn spitzeln. Später hatte Kahn auch Glück, als Kleberson den Ball aus 20 Metern an die Querlatte knallte. Das war in der letzten Minute der ersten Halbzeit, zu einem Zeitpunkt, als sich die deutschen Spieler von den Brasilianern in die eigene Hälfte zurückdrängen ließen. In der Nachspielzeit vor der Pause musste Kahn noch einmal per Fuß klären. Gegen Ronaldo, weshalb Kahn im Duell mit dem brasilianischen Angreifer eigentlich in Führung lag. Bis dahin.

Dass Kahn das Duell schließlich doch verlieren sollte, lag an der 67. Minute. Wenn diese in Zukunft im Fernsehen wiederholt wird, dürfte Kahn jedes Mal aus seinem Fernsehsessel aufstehen und das Gerät ausschalten. Und wenn Dietmar Hamann neben ihm sitzt, dürfte es mit dessen Einverständnis geschehen. Die Fehler dieser beiden, die eigentlich die Beständigsten waren, entschieden das Endspiel. Hamann hatte den Ball kurz vor dem eigenen Strafraum an Ronaldo vertändelt, Rivaldo, von dem man vorher und nachher nichts zu sehen bekam, trat den Ball auf das Tor von Oliver Kahn. Ein Schuss wie so viele bei dieser WM, ein Schuss wie so viele, die der beste Torhüter der Welt gehalten hat. Nicht diesmal. Kahn rutschte der Ball aus den Armen. Ja, man muss es wiederholen, so unglaublich erscheint dieses Missgeschick: Kahn rutschte der Ball aus den Armen und kullerte einsam nach vorne. Exakt auf den Fuß von Ronaldo: 0:1. Aber vielleicht erklärt die Diagnose nach Schlusspfiff den Fauxpas: Schon vor dem Treffer hatte Kahn einen Bänderriss im Finger erlitten

In der 79. Minute gelang Ronaldo der zweite Treffer gegen Kahn. Ausgerechnet in dem Moment, als das deutsche Team sich um den Ausgleich bemühte, als Völler Oliver Bierhoff für den glücklosen Klose eingewechselt hatte. Rivaldo hatte einen Pass zu Ronaldo durchlaufen lassen. Der eingewechselte Gerald Asamoah rutschte beim Abwehrversuch ins Leere, und auch Kahn griff ins Nichts. Ronaldo aber traf zum 2:0. Nach dem Schlusspfiff knieten die Brasilianer am Mittelkreis und bedankten sich bei einer höheren Macht für den fünften Weltmeistertitel. Die Deutschen aber versuchten Oliver Kahn zu trösten. Das entscheidende Duell gegen Ronaldo hatte er verloren.

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