Sport : Ronaldo Müller

Brasilien gegen Japan 4:1 – Torrekord eingestellt

Sven Goldmann[Dortm]

Seit gestern Nachmittag weiß die Welt, dass Ronaldo nicht dick ist, sondern nur leicht übergewichtig: 90,5 Kilogramm bei 183 Zentimetern Körpergröße. Der brasilianische Konditionstrainer hatte das Staatsgeheimnis ausgeplaudert. Ein paar Stunden später hatte Ronaldo selbst noch etwas mitzuteilen. Nämlich: Er kann immer noch Fußball spielen. Er war einer der besten Brasilianer beim 4:1 (1:1) in der Dortmunder WM-Arena gegen Japan. Und er erzielte zwei Tore: ein ganz wichtiges, das 1:1 in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit, zehn Minuten nachdem Akira Kaji Japan in Führung gebracht hatte. Das zweite kurz vor Schluss war ein Tor für die Ewigkeit, Ronaldos Treffer Nummer 14 bei Weltmeisterschaften. Damit hat er den WM-Rekord von Gerd Müller eingestellt, und wer glaubt schon, dass es Ronaldos letztes Tor in Deutschland war?

Vielleicht gibt es den neuen Rekord schon im Achtelfinale am kommenden Dienstag ebenfalls in Dortmund gegen Ghana. Nichts scheint ausgeschlossen, seit gestern um 21.45 Uhr die Blockade fiel. Ronaldinho hatte den Ball über die klein gewachsenen japanischen Abwehrspieler auf die rechte Seite des Strafraums gehoben. Dort stand Zizinho und zog die noch fehlende Linie des in die Luft gemalten Dreiecks mit einem Kopfball-Zuspiel auf Ronaldo. Der hatte sich in den Rücken der Japaner geschlichen, stand allein vor dem Tor und tippte den Ball mit der Stirn ins kurze Eck. Ein typisches Ronaldo-Tor: keine ästhetische Offenbarung, keine brachiale Gewalt, sondern ein Produkt der Intuition.

Dieses Tor hatte sich angedeutet. Nachdem Ronaldo beim Auftakt gegen Kroatien noch lustlos und ohne jede Bindung zum Spiel über den Rasen getrottet war, hatte er im zweiten Spiel gegen Australien schon in Ansätzen gezeigt, dass wieder mit ihm zu rechnen ist. Gestern kam er auf so viele Ballkontakte wie in beiden vorherigen Spielen zusammen. Ronaldo gelangen schöne Dribblings, er glänzte mit einem Übersteiger im Strafraum, schoss häufiger mal aufs Tor und gewann Kopfballduelle. Immer wieder suchten die Fernsehkameras sein Gesicht, und immer häufiger fingen sie ein Lächeln ein. In der zweiten Halbzeit erwachte in Ronaldo sogar das Spielkind, als er mit Ronaldinho im Strafraum Doppelpass spielte. Da schoss er noch knapp vorbei, beim abschließenden 4:1 machte er es besser, nach wunderschönem Zusammenspiel mit Juan.

Carlos Alberto Parreira durfte sich bestätigt sehen in seinem Vertrauen. Dieses hatte der Trainer seinem Sorgenkind auch gegen Japan in aller Deutlichkeit demonstriert. Parreira wechselte die Hälfte seiner Stammmannschaft aus. Ronaldo aber durfte mitspielen, obwohl er mit einer Gelben Karte vorbelastet war und im Falle einer weiteren Verwarnung für das Achtelfinale gesperrt worden wäre.

Brasilien erfreute sich nicht nur an Ronaldo, sondern auch am ungewohnten Raum, den die Japaner gewährten. Robinho, für Adriano als zweiter Stürmer aufgeboten, zeigte Kunststückchen, Zizinho zeigte als Vertreter von Roberto Carlos, wie viel Wirbel man auf der rechten Seite veranstalten kann. Zwei andere Neue schossen je ein Tor: Erst Juninho, bei dessen Fernschuss Japans Torwart Kawaguchi schlecht aussah. Und dann Gilberto, Mittelfeldspieler von Hertha BSC. Er krönte seinen Einsatz mit einem Flachschuss, brillant in Szene gesetzt von Ronaldinho. Der wurde später ausgewechselt, wie auch sein kongenialer Nebenmann Kaka. Ronaldo durfte 90 Minuten durchspielen, das erste Mal bei dieser WM. Die Brasilianer unter den 62 000 Zuschauern kannten danach nur einen Schlachtruf: „Ronaldo! Ronaldo!“ Traurig war nur ein Brasilianer: Japans Trainer Zico, dessen Mannschaft ausgeschieden ist.

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