Sport : Rostock liegt nicht in der Ukraine

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Stefan Hermanns über Herthas verpasste Chance

Heinz Erhardt, der große deutsche Komiker und Alltagsphilosoph, hat sich einmal mit dem Fußballspiel beschäftigt. Die Frucht dieser Überlegungen ist ein kleines Gedicht, dessen letzte Strophe so geht: Fußball spielt man meistens immer / mit der unteren Figur. / Mit dem Kopf, obwohl’s erlaubt ist, / spielt man ihn ganz selten nur. Wenn man nicht wüsste, dass Erhardt schon seit 1979 tot ist, könnte man glauben, dass er mit den letzten Zeilen seines Gedichts Hertha BSC im November 2003 gemeint hat. Im Kopf nämlich werden Spiele entschieden, und bei Hertha, so sieht es nach der 0:3Niederlage in Wolfsburg aus, scheint genau da das Problem zu liegen.

Dabei ist es noch nicht lange her, dass alles ganz anders aussah. Am Dienstag im Pokalspiel gegen Hansa Rostock durchlebten Herthas Spieler gleich mehrere mentale Extremsituationen. Sie mussten gewinnen. Sie mussten in die Verlängerung. Sie gerieten in Rückstand, und erst in letzter Sekunde erzielten sie den Ausgleich, der sie ins Elfmeterschießen, das Würfelspiel für Fußballer, rettete.

Es gibt Mannschaften, die aus solchen Erfahrungen Kraft schöpfen, vor allem mentale Kraft. Bei der deutschen Nationalmannschaft hat es vor zwei Jahren einen solchen Fall gegeben. Sie musste sich damals in zwei Ausscheidungsspielen gegen die Ukraine durchsetzen, um sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Noch heute erzählt Teamchef Rudi Völler am liebsten von diesen Tagen im November 2001, als der Druck auf ihn und die Mannschaft angeblich unmenschlich war. Die beiden Spiele haben für den Deutschen Fußball-Bund längst eine fast mystische Bedeutung: Sie haben aus elf Versagern elf Sieger gemacht, die dann knapp acht Monate später sogar im WM-Finale standen. Aber Rostock liegt nicht in der Ukraine.

Wolfsburg hat aus Hertha wieder das gemacht, was Hertha auch vor Rostock war. Eine mittelmäßig besetzte Mannschaft ohne klare Strukturen, ohne Führungsspieler, ohne die Kraft zur Selbstregulierung. Was Trainer Huub Stevens nicht geschafft hat, hat allein das Ultimatum für kurze Zeit bewirkt: aus dem wackeligen Gebilde ein funktionierendes Team zu machen. Aber der Elan, den die beiden Siege gegen Rostock eigentlich gebracht haben sollten, ist schon jetzt wieder weg. Die Mannschaft wird von nun an unter dem Verdacht stehen, dass sie nur auf Druck von außen funktioniert. Das gibt ein wenig Hoffnung. Herthas Spieler müssten nur mal auf die Tabelle schauen.

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