Sport : Rostock und Erfurt und so

Michael Rosentritt

An dieser Stelle soll ausnahmsweise mal an einem Ausspruch Karl-Heinz Wildmosers erinnert werden. Der barocke Präsident des TSV 1860 München posaunte neulich vom Podium der versammelten Vereinsmitgliedschaft entgegen: "Die Fußballprofis arbeiten maximal vier Stunden am Tag und verdienen Millionen. Ich arbeite 14 Stunden am Tag und muss mich noch beschimpfen lassen." Schon sind wir im Thema: Überbelastung im bezahlten Fußball.

Zum Thema Fotostrecke I: Bilder der Saison 01/02
Fotostrecke II: Hertha Backstage
Bundesliga aktuell: Ergebnisse und Tabellen
Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Bei Hertha BSC wird hinter vorgehaltener Hand gestöhnt, weil innerhalb von sechs Tagen drei Auswärtsspiele auf dem Plan standen. Offen spricht das so niemand aus, aber der Terminkalender wird gern umfunktioniert zur Erklärungskrücke. Nach einem 90-minütigen Arbeitseinsatz seiner Mannschaft im Ostseestadion pustete Herthas Trainer Jürgen Röber einmal kurz durch und sagte: "Puh, zwei Spiele binnen 48 Stunden - einigen von uns steckte noch das Spiel gegen Genf in den Knochen. Umso erstaunlicher ist, was meine Mannschaft heute hier geboten hat." Was sich nach einem Sieg anhörte, war in Wirklichkeit ein 1:1 geworden. Und morgen müssen die Helden von Rostock auch schon wieder beim Regionalligisten Rot-Weiß Erfurt anlässlich der zweiten Runde des DFB-Pokals antreten. Uefa-Cup, Bundesliga, DFB-Pokal in sechs Tagen - hier handelt es sich gar um eine Dreifachbelastung.

Dabei hatte Manager Dieter Hoeneß wirklich alles versucht, den Arbeitsaufwand für sein Team etwas zu strecken. Erst wollte er das Hinspiel in der dritten Runde des Uefa-Cup-Wettbewerbs bei Servette Genf vom vergangenen Donnerstag auf Dienstag vorverlegen. Das war schnell gescheitert. Ebenso, wie sein Versuch, das Bundesligaspiel beim FC Hansa auf den gestrigen Tag zu verschieben. Die Rostocker verwiesen darauf, dass der Totensonntag in Mecklenburg-Vorpommern ein Feiertag ist. Hoeneß akzeptierte und wollte fortan nichts mehr vom körperlichen Stress wissen: "Das ist alles nur eine Kopfsache."

Empfindlich hatten die Verantwortlichen von Hertha auf diese Ballung der Termine reagiert, weil am kommenden Wochenende das Bundesligaspitzenspiel gegen den FC Bayern München auf dem Programm steht. Hoeneß und Röber wollen einen möglichst frischen und gesunden Kader ins Rennen gegen das große Vorbild schicken. Jedes Spiel außer der Reihe koste Kraft, Nerven, Zeit und berge schließlich ein erhöhtes Verletzungsrisiko. Auch das ist nicht von der Hand zu weisen, nur sind die Blessuren der Spieler Kiraly, Konstantinidis, Simunic, van Burik oder Marcelinho nicht auf ein Spiel allein zurückzuführen. Vorboten hatten sich bereits im Training bemerkbar gemacht. Aber so richtig scharf trainiert wird ohnehin kaum noch. Massagen, aktives Relaxen und ein paar mehr Infusionen (Vitamine, Mineralstoffe, Aminosäuren) als sonst - das momentane Tagewerk der geschundenen Profikörper sieht moderat aus.

Hertha will möglichst lange in möglichst vielen Wettbewerben vertreten sein. Wer Geld verdienen und Renommee erarbeiten möchte, muss ein paar Dienstwege mehr in Kauf nehmen. Zumal es sich im Fall von Hertha um Wege handelt, die sich in vergleichsweise überschaubaren Dimensionen bewegen - nach Rostock und nach Erfurt. Mit dem Flugzeug versteht sich.

Das Flugzeug ist übrigens auch das bevorzugte Beförderungsmittel des FC Bayern. Und der Deutsche Meister ist rein dienstlich nun wirklich viel unterwegs, weshalb sie sich in München sogar eine eigene Maschine zugelegt haben. Wenn Hertha morgen in Erfurt antreten muss, vergnügt sich der FC Bayern beim Weltpokalfinale ein paar tausend Flugkilometer weiter entfernt von Thüringen - in Tokio. Es sei mal dahingestellt, was einer größeren Anstrengung bedarf, gegen einen Regionalligisten oder den Südamerikameister zu bestehen; der finanzielle, zeitliche oder sonstige Aufwand ist nicht annähernd vergleichbar. Klagen aber haben wir aus München jedenfalls noch nicht gehört, obwohl sie dort sicher auch andere Probleme haben, als diesen Zirkustitel zu gewinnen - bestenfalls.

Das Schlusswort soll an dieser Stelle Sixten Veit haben. "Segen und Fluch unseres Berufs sollte jeder mal in Relation sehen", hat der Mittelfeldspieler zu Beginn dieses Jahres gesagt. "Wer das nicht will oder kann, hat ein Problem, oder wird eins nach dem Fußball bekommen." Im zurückliegenden Sommer hat Hertha BSC sich von Veit getrennt. Er war nicht mehr gut genug.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben