Sport : Rotation in der Seifenoper

Viele englische Topvereine starten in eine ungewisse Fußballsaison, allen voran: Manchester United.

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Die Premiere. David Moyes hat mit Manchester United mit dem Community Shield seinen ersten Titel als Trainer gewonnen. Foto: dpa
Die Premiere. David Moyes hat mit Manchester United mit dem Community Shield seinen ersten Titel als Trainer gewonnen. Foto: dpaFoto: dpa

Wenn es stimmt, dass der Fußball die „Seifenoper für den Mann“ ist, wie man in England gern behauptet, dann erwartet die Zuschauer in der Tat eine ganz ungewöhnliche nächste Staffel. Arbeitstitel: „Premier League reloaded“. Viele Nebendarsteller und Statisten sind seit 2012/13 neu hinzugekommen oder gegangen, auch der eine oder andere größere Star wie Manchester Citys argentinische Diva Carlos Tévez, die ab sofort in Turin spielt. Wirklich ungewöhnlich wird die 2013/14-Ausgabe der bei den Zuschauern weltweit erfolgreichsten (Fußball-)Serie jedoch, weil der über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg alles und jeden dominierende Mann nicht mehr dabei ist. Meistertrainer Alex Ferguson, 71, der Übervater der ganzen Veranstaltung, ist nach dem Gewinn des Titels mit Manchester United im Mai zurückgetreten. Genau hier setzen jedoch die Zweifel ein: Mit dem ruhigen, vorsichtigen, 50-jährigen David Moyes hat United einen Nachfolger ernannt, der Sir Alex in Sachen Charisma (wenig) und Trophäenbilanz (null große Titel) nicht ansatzweise das Wasser reicht. Der frühere Everton-Coach wird zwar für seine unaufgeregte Arbeitsweise geschätzt, aber ihm fehlt das gewisse Etwas, durch das Ferguson es schaffte, selbst nicht ganz so starke United-Mannschaften konkurrenzfähig zu halten.

Ohne Ferguson, vor dem Schiedsrichter, Medien und Gegner mitunter in Ehrfurcht erstarrten, könnte Uniteds spezielle Aura verloren gehen oder zumindest leiden. Und das sind nicht die einzigen Sorgen im Fanlager. Schlüsselspieler Wayne Rooney liebäugelt mit einem Wechsel zum FC Chelsea, zudem verlangt der Kader in allen Bereichen nach Auffrischung. Der ambitionierte Versuch, Barcelonas Mittelfeldspieler Cesc Fàbregas ins Old Trafford zu holen, misslang bisher. Die Lokalrivalen von Manchester City erscheinen so aktuell besser aufgestellt. Für 103 Millionen Euro wurden vier Spieler verpflichtet, die das Team in der Offensive sofort entscheidend verstärken werden. Der Brasilianer Fernandinho begeisterte als Spielmacher von Schachtjor Donezk in der Vorsaison. Die Spanier Jesús Navas und Alvaro Negredo (beide Sevilla) sind international erprobte Könner. Dazu kam in Stevan Jovetic (23, Florenz) ein Mann mit dem Potenzial für die absolute Weltspitze. Die Folge: City wird bei den britischen Buchmachern vor Chelsea und United als Favorit auf den Titel gehandelt. Die „Financial Fairplay“-Auflagen der Uefa erfüllt der Scheichklub übrigens ohne Mühe – dem neuen Fernsehvertrag, der jedem Premier-League-Team im Durchschnitt 76 Millionen Euro einbringt, sei Dank.

Mit José Mourinho, dem großen Egomanen aus Portugal, kam der Liebling der Massen an der Stamford Bridge zurück ins Amt, knapp sechs Jahre nach seinem Rauswurf durch Eigentümer Roman Abramowitsch. Sein Selbstbewusstsein hat den relativen Misserfolg in drei Jahren bei Real Madrid natürlich problemlos überstanden, „es gibt keinen besseren Trainer“, tönte der 50-Jährige bei seiner Vorstellung. Mourinhos unerbittlicher Ehrgeiz und der unter anderem durch den Ex-Leverkusener André Schürrle verstärkte Kader sind mit Sicherheit nicht zu unterschätzen. „Für mich sind sie die Top-Favoriten“, sagt Tottenham-Hotspur-Trainer André Villas-Boas, einst selbst kurzzeitig Trainer in Chelsea. Die Spurs haben sich unter anderem mit dem spanischen Nationalstürmer Roberto Soldado (30 Millionen Euro, Valencia) geschickt verstärkt. Ob sie mit Ausnahmespieler Gareth Bale rechnen können oder ob der bei Real Madrid anheuert, ist weiterhin ungewiss.

Und vielleicht gelingt ja auch dem seit acht Jahren trophäenlosen FC Arsenal mal wieder der große Wurf, immerhin muss die Mannschaft als einziges Mitglied der „Top Four“ keinen Trainerneuanfang bewältigen. Arsène Wenger sitzt trotz der langen Durststrecke – der letzte Erfolg war der Gewinn des FA-Pokals 2005 – relativ fest im Sattel, mit 17 Jahren im Amt ist der Elsässer nun auch der mit Abstand dienstälteste Coach in der englischen Liga. Eine Reihe von missglückten Transferaktivitäten wie die versuchte Verpflichtung von Liverpools Luis Suárez hat den Optimismus in Nord-London allerdings etwas getrübt. „Gibt Wenger Geld aus, bevor die Fans und der Vorstand die Geduld verlieren?“ fragte der „Daily Mirror“. Der Franzose ist bekanntlich ein Freund der Talentförderung, muss aber dringend echte Verstärkungen präsentieren. Denn in einer Liga, in der die Großen nicht nur die Kleinen, sondern sich auch gegenseitig fressen, lässt sich nicht lange auf Zeit spielen.

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