Sport : Rotes Auto im grünen Bereich

HARTMUT MOHEIT

Auch nach Schumachers viertem Platz in Budapest hofft Ferrari auf den ersten WM-Titel seit 1979VON HARTMUT MOHEIT BUDAPEST.Nein, ein Desaster war der vierte Rang von Michael Schumacher auf dem Hungaroring nicht.Zwar schmolz der Vorsprung des zweimaligen Formel-1-Weltmeisters gegenüber dem Kanadier Jacques Villeneuve auf drei Punkte zusammen, aber immer noch liegt der Deutsche im roten Ferrari nach eigener Auffassung "im grünen Bereich".Der erste Titel für die italienische Marke seit 1979, als der Südafrikaner Jody Scheckter siegte, ist keine Illusion.Beim Großen Preis von Ungarn, dem noch sechs weitere WM-Läufe in dieser Saison folgen werden, spielten Schumacher allerdings zwei Dinge einen Streich: das Auto und die Reifen.Und dennoch, obwohl er mit dem Ersatzwagen unterwegs war (den einzigen mit dem superleichten Chassis hatte er im Warm up leichtfertig unbrauchbar gemacht) und seine weichen Goodyear-Pneus allesamt Blasen bekamen, hielt er sich in den Punkterängen. Aus solchem Holz sind Weltmeister geschnitzt.Schon 1994 und 1995 bestieg Michael Schumacher als Benetton-Fahrer den Thron.Kein Vergleich mehr zu 1996, als man ihn wegen der vielen Ausfälle oftmals als "Ferraris teuersten Fußgänger" verspottete.Aber der Ferrari von vor einem Jahr ist mit dem aktuellen nicht mehr zu vergleichen.Und der Fahrer selbst ist - das erkennen auch seine schärfsten Kontrahenten an - weiterhin der mit dem größten Potential.Nicht zuletzt auch wegen der guten Fitneß, die ihn auf den kraftraubendsten Strecken zu Top-Leistungen befähigt.Erst mit Schumacher kam das Team aus Maranello auf den WM-Kurs, während andere stagnierten (Williams-Renault) oder bei ihrer sehr guten Arbeit zu viele Rückschläge einstecken mußten (McLaren-Mercedes, Benetton-Renault). Die Frage ist, was Ferrari so stark gemacht hat.Schlüsselfigur ist zweifellos der Franzose Jean Todt, der als Chef die Entwicklung in die richtigen Bahnen lenkte.Er holte als Technischen Direktor Ross Brawn sowie als Aerodynamiker Rory Byrne von Benetton.Mit beiden errang Schumacher bereits den Weltmeistertitel.Zudem wurden das Jahresbudget auf 300 Millionen Dollar angehoben, die Qualitätskontrolle verbessert und - mit Blick in die Zukunft - seit März dieses Jahres mit der Entwicklung des 98er Modells begonnen.Letzteres ist vor allem für die Motivation wichtig gewesen, denn fortan wußten alle, daß man nicht nur auf den schnellen Erfolg aus sein würde.Ferrari, das ist seit jeher auch Enthusiasmus für den Motorsport gewesen."Wir haben jetzt an jedem Platz die richtigen Leute", schätzt Schumacher selbst die Situation ein. Das Ergebnis ist beeindruckend: neuer Motor, Auspuff, Lufteinlaß, Front- und Heckflügel, Seitenkästen, Bremsen, Radaufhängungen und eben das in Ungarn erstmals eingesetzte Monocoque (Chassis).Letzteres bringt allein ein bis zwei Zehntelsekunden pro Runde, was in der Vollgasbranche einen enormen Fortschritt darstellt.Weitere Verbesserungen sind bereits in Sichtweite, noch für diese Saison.Der Ferrari-V10-Motor mit der Bezeichnung 046/2 ist bereits seit Magny-Cours im Einsatz; man arbeitet weiter an den Radaufhängungen und auch an einer besseren Servolenkung.Jedes einzelne Detail wurde in den zurückliegenden Monaten auf Schwachpunkte abgeklopft, die vielen Ausfälle in der vergangenen Saison wurden analysiert, und dadurch nunmehr Standfestigkeit gewonnen.Das Thema Reifen scheint momentan die einzige Unbekannte in der Titelrechnung zu sein.Bis zum nächsten WM-Lauf am 24.August im belgischen Spa-Francorchamps, auf einem Hochgeschwindigkeitskurs, möchte man auch dieses leidige Thema mit dem Hersteller in den Griff bekommen.Der Kurs liegt dem Kerpener: In den zurückliegenden zwei Jahren gewann er dort die 44 Runden lange Jagd.Gelänge ihm in diesem Jahr der Hattrick, dann wäre nur eines anders: Der Pfarrer von Maranello, Don Valerio Belloi, würde aus diesem Anlaß nicht wieder die Glocken läuten können.Er starb bei einem Verkehrsunfall.Nun soll Schwester Donatella in Maranello sein Vermächtnis erfüllen.Seine Gedanken gingen aber schon weiter: Wenn Schumacher im Ferrari die Weltmeisterschaft gewinnen würde, dann sollte in Italien und in Deutschland gleichzeitig das Geläut erklingen.Michael Schumacher wird seinen Teil dazu beitragen, daran gibt es auch nach seinem vierten Platz in Budapest kaum Zweifel.Starke Konkurrenz war für ihn schom immer ein besonderer Antrieb.Freilich, Glück gehört auch dazu - gerade in der Formel 1.

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