Sport : Rotes Glück

Im gleichen Hemd, das ihm schon in Australien half, zieht Tennisprofi Rainer Schüttler in Paris ins Achtelfinale ein

Stefan Hermanns

Paris. Wayne Ferreira raffte sich zu einer letzten großen Geste auf. Der Südafrikaner nahm sich das Handtuch vom Gesicht und winkte zweimal mit beiden Händen in Richtung des Publikums. Dann wurde er von den Sanitätern auf einer Trage vom Court eins getragen. Ferreiras trauriger Abschiedsgruß an das Publikum war das bewegende Ende eines phasenweise bewegenden Tennisspiels gewesen. „Schade, dass es so geendet hat“, sagte Rainer Schüttler.

Zwei Stunden und achtundvierzig Minuten hatten Ferreira und Rainer Schüttler auf dem Platz gestanden. Der Deutsche führte mit 2:1-Sätzen, der Südafrikaner lag im vierten mit 3:2 und 40:30 gegen den aufschlagenden Schüttler vorne. 242 Punkte hatten beide bis dahin ausgespielt. 121 hatte Schüttler gewonnen, 121 Ferreira. Der 245. Punkt aber ging nicht mehr in die Wertung ein. Ferreira rutschte einem Angriffsball von Schüttler hinterher, erwischte ihn mit dem Schläger, doch sein rechtes Bein rutschte weiter. Und weiter. Und weiter. Das linke nicht. Dann schrie Ferreira.

Rainer Schüttler lief sofort auf die andere Seite des Feldes, wo Ferreira mit dem Rücken im Sand lag. „Es musste etwas Schlimmes sein“, sagte Schüttler. „Er ist nicht mehr aufgestanden und hat sich überhaupt nicht bewegt.“ Der Deutsche ging zur Kühltruhe und holte Eis, um Ferreiras verletzen Muskel notdürftig zu betäuben. Die Zuschauer klatschten. Bisher war Schüttler nicht gerade als Liebling des Pariser Publikums in Erscheinung getreten. Der Franzose Jean-René Lisnard hat nach seiner Zweitrunden-Niederlage gegen den Deutschen gesagt: „Ich mag diesen Typen nicht. Ich will auch nicht mit ihm verglichen werden. Ich finde nicht, dass er sich auf dem Platz korrekt verhält.“ Zumindest die Zuschauer von Court eins werden das jetzt anders sehen.

Es war ein großer Kampf, den sich beide Spieler bis zu Ferreiras Verletzung bei mehr als 50 Grad Celcius auf dem Court geliefert hatten. Allein der dritte Satz dauerte länger, als manche deutsche Spielerin in dieser Woche in Paris auf dem Platz gestanden hatte: eine Stunde und elf Minuten. Da wehrte Schüttler allein im ersten Spiel fünf Breakbälle ab, später lag er 3:5 hinten und gewann den Satz im Tie-Break (7:3). „Ich habe gemerkt, dass er ein bisschen müde wurde“, sagte Schüttler. Aber sicher sein, dass er das Match auch auf herkömmliche Weise gewonnen hätte, „sicher sein kann man sich nie.“

Bei den French Open ist Schüttler bisher nie weiter gekommen als in die zweite Runde. Dabei gewann er in vier Jahren erst ein Match. Jetzt steht er bereits im Achtelfinale, und von den Australian Open in diesem Jahr abgesehen, als Schüttler ins Endspiel kam, ist das schon jetzt sein bestes Resultat bei einem Grand-Slam-Turnier. Wie weit kann das noch führen? In Australien hat auch niemand mit Schüttler gerechnet, und damals profitierte er in der dritten Runde ebenfalls von einer Verletzung, als Marat Safin gar nicht erst antrat. An Gemeinsamkeiten zwischen Paris und Melbourne sieht Schüttler trotzdem nichts. „Außer meinem Hemd, das war in Australien auch rot.“

Schüttlers nächster Gegner ist der Holländer Martin Verkerk. Der 24-Jährige hat nie zuvor in Paris gespielt, in der Weltrangliste liegt er 35 Plätze hinter Schüttler. Die Chancen stehen also nicht schlecht für den Deutschen, auch wenn er über den holländischen Angriffsspieler sagt: „Wer unter den letzten 16 ist, muss gutes Sandplatztennis spielen.“

Vielleicht hat Schüttler aber auch sich selbst gemeint.

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