Sport : Rotkäppchen mit Flinte

Hartmut Scherzer

Noch so ein "shooting star" aus dem Thüringer Wald: Auch Kati Wilhelm aus Steinbach-Hallenberg schoss mit einer Nullserie Gold im Biathlon wie zwei Tage zuvor Andrea Henkel aus Großbreitenbach. In Deutschland schlug es Mitternacht, über Soldier Hollow strahlte die Nachmittagssonne. Am Schießstand erhielt Frank Ullrich, der Bundestrainer der Biathleten, vom Streckenposten Harald Böse Meldung und gab sie an den für die Damen zuständigen Kollegen Müssiggang weiter. "Uwe, du kannst einpacken. Das wird eins-zwei oder eins-drei. Es kommt kein Björndalen und kein Perner mehr." Eine ironische Anspielung auf den vorangegangenen 10-Kilometer-Sprint, in dem der Norweger und der Österreicher noch Sven Fischer auf Silber und Ricco Groß auf den vierten Platz versetzt hatten.

Das deutsche Damendoppel stand bis zum Schluss an der Spitze des 7,5-km-Sprints: Gold Kati Wilhelm, Silber Uschi Disl, Bronze für die schwedische Favoritin Magdalena Forsberg, die lediglich noch die ebenfalls favorisierte Norwegerin Liv Grete Poirée überholen konnte. "Ein sensationelles Ergebnis", sagte IOC-Vizepräsident Thomas Bach und machte sich sofort auf zur Siegerehrung auf der Olympic Medal Plaza in Salt Lake City.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Fünf Medaillen in vier Wettbewerben, zweimal Gold durch Andrea Henkel und Kati Wilhelm, dreimal Silber durch Frank Luck, Sven Fischer und Uschi Disl - Soldier Hollow ist die Bonanza der deutschen Olympia-Mannschaft. Was ist das Erfolgsgeheimnis der deutschen Biathleten? "Schießen ist Kopfsache. Wir behalten in den großen Wettkämpfen eben die Nerven. Dazu mussten wir auch keinen Psychologen bemühen", sagt Kati Wilhelm. Die 25 Jahre alte Sportsoldatin und Studentin für Elektronik bewies mit einer Nullserie ungewohnte Treffsicherheit und machte durch ihren frühen Start (18) und Zieleinlauf die folgenden Konkurrentinnen nervös. Ganz nach der Vorgabe ihres Heimtrainers Harald Böse, der auch Andrea Henkel betreut und vor zehn Jahren in Albertville schon Antje Misersky zum Olympiasieg geführt hatte: "Vorne die Zähne zeigen, damit sich die anderen daran festbeißen."

Uschi Disl (15,6 Sekunden zurück), Magdalena Forsberg (39,0) und Liv Grete Poiree (42,7) schossen je eine Strafrunde über 180 Meter und hatten damit keine Chance mehr gegen die starke Läuferin. Nun ist Kati Wilhelm immerhin Weltmeisterin in dieser Disziplin. Also kein unbeschriebenes Blatt. Aber beim Schießen in Bauchlage hatte es stets geklemmt. Schließlich hatte die gelernte Langläuferin, Sechzehnte in Nagano über 30 km und Fünfte mit der Staffel, erst vor drei Jahren das Gewehr in die Hand genommen. Langlauf war ihr zu langweilig geworden. Es sei "phänomenal", sagt Müssiggang, in welch kurzer Zeit die Umschülerin schießen gelernt habe. Liegend hatte sie jedoch stets Probleme. Deswegen sprach sie nach ihrem Triumph auch vom "besten Schießen meines Lebens". Viel üben und ein bisschen herumtüfteln am russischen Gewehr Typ "B7" halfen.

Kati Wilhelm, das ist wieder - wie schon Andrea Henkel - so ein Märchen aus dem Thüringer Wald. "Rotkäppchen" wurde sie gar von der "Thüringer Allgemeinen" genannt, weil sie stets eine ferrarirote Kappe trägt. Außerdem hat sie sich die Haare rot gefärbt. "Rot hat mir Glück gebracht. Also bleiben Mütze und Haare weiterhin rot."

Nun wird der Sprint mit der Jagd fortgesetzt. Ole Einar Björndalen, der seinen Olympiasieg von Nagano wiederholte und nach den 20 Kilometern seine zweite Goldmedaille gewann, geht mit einem Vorsprung von 28,7 Sekunden vor Sven Fischer die 12,5 Kilometer an. Dem Norweger winken das dritte Gold und die Krönung zum König der Winterspiele von Salt Lake City. Auf der Jagd nach ihrem dritten Gold verfolgen sich die deutschen Damen zunächst einmal selbst: Uschi Disl jagt Kati Wilhelm.

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