Routine zwischen den Pfosten : Marco Sejna - ein Torhüter mit niedrigem Puls

Trainer Markus Babbel hat Marco Sejna das Vertrauen geschenkt. Der Torhüter überzeugt mit großer Ruhe – so passt er perfekt zu Herthas Auftritt in Frankfurt.

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Leichte Übung. Marco Sejna wirkte bei seinem Comeback stets souverän. Foto: Camera4
Leichte Übung. Marco Sejna wirkte bei seinem Comeback stets souverän. Foto: Camera4Foto: camera4

Die Zeit, in der Marco Sejna fußballerisch sozialisiert wurde, liegt schon eine Weile zurück. Es war eine Zeit, die noch weitgehend frei war von all den hysterischen Anwandlungen, die heutzutage ganz normal sind. Übertreibungen gehören längst zum Geschäft, es gibt nur noch Schwarz oder Weiß, Held oder Versager. Marco Sejna hat die Gepflogenheiten der Branche jetzt im hohen Alter von 38 Jahren auch noch am eigenen Leib erfahren müssen. Der Torhüter des Berliner Fußball-Zweitligisten Hertha BSC plauderte gerade in der Interviewzone über seinen Arbeitstag, als jemand durch den Gang in seine Richtung rief: „Mann des Tages!“ Es war Herthas Mannschaftskapitän Andre Mijatovic. „Ach, hör auf“, erwiderte Sejna. Das Lob schien ihm irgendwie peinlich zu sein.

Im Grunde war der Torhüter schon vor dem Anpfiff Mann des Tages gewesen. Morgens um elf, in der Besprechung vor dem Spiel beim FSV Frankfurt, hatte Trainer Markus Babbel Sejna eröffnet, dass er für den verletzten Maikel Aerts im Tor der Berliner stehen werde – mehr als 15 Jahre nach seinem letzten Pflichtspiel für Hertha. Ein besonderer Moment? „Ich hab damit gerechnet“, sagte Sejna nach dem 1:0- Erfolg beim FSV. Seine Aufregung hielt sich in Grenzen. „Der Puls war von Anfang an sehr niedrig“, sagte Sejna. „Ich bin die Sache locker und ruhig angegangen.“

Nichts anderes hatte Markus Babbel von ihm erwartet. Nach dem Spiel erzählte Herthas Trainer, dass er sich aus dem Bauch heraus für den Routinier Sejna und gegen den 18 Jahre jüngeren Sascha Burchert entschieden habe, der bei Hertha als Torhüter der Zukunft geführt wird. „Sascha hat sich auch Hoffnungen gemacht“, berichtete Babbel. „Er war enttäuscht. Aber das muss jetzt wieder vorbei sein. Er muss sich für den Fall fokussieren, dass wieder etwas passiert.“ Gestern trainierte Burchert mit den Ersatzleuten in Berlin, anstatt für Herthas U 23 im Tor zu stehen. Babbel hatte ihm eine vierstündige Autofahrt nach Wilhelmshaven erspart. Am Wochenende aber soll Burchert wie gehabt wieder für Herthas zweite Mannschaft in der Regionalliga zum Einsatz kommen.

Sejna hingegen bleibt die Nummer eins bei den Profis, solange Maikel Aerts mit seinem Kreuzbandanriss ausfällt. Auf einen guten Monat ist die Fehlzeit des Holländers veranschlagt worden. Seit Samstag können die Berliner mit dieser Prognose noch ein wenig gelassener umgehen, als sie es ohnehin getan haben. „Eine einwandfreie Leistung“ bescheinigte Babbel Sejna, mit dem er vor Urzeiten einmal zusammen in der deutschen U 21 gespielt hatte. „Er hat uns in einigen Situationen vor einem Rückstand bewahrt.“

Mit Sejna setzte Hertha eine beeindruckende Serie fort: Die Berliner spielten zum vierten Mal hintereinander zu null, seit nunmehr 368 Minuten hat der Tabellenführer der Zweiten Liga kein Gegentor mehr kassiert. „Die Mannschaft stand ganz gut“, sagte Marco Sejna. „Wir haben nicht allzu viel zugelassen.“ Nach anfänglichen Schwächen zu Saisonbeginn findet sich der Defensivverbund inzwischen in der Tat besser zurecht, auch wenn die beiden Innenverteidiger Roman Hubnik und Andre Mijatovic immer noch für einen Wackler gut sind und Hertha weiterhin anfällig wirkt, wenn die Mannschaft von Angriff auf Abwehr umschalten muss.

In der Offensive hatten die Berliner sowieso nie ein Problem. Dass sie im Angriff besser besetzt sind als ihre Konkurrenten, war auch gegen den FSV zu sehen. Während die Frankfurter Stürmer ihre hochwertigen Konterchancen nach der Pause regelrecht verstümperten, nutzte Adrian Ramos den einen entscheidenden Moment kurz vor Schluss zum 1:0.

Die Berliner spielen inzwischen mit der Gewissheit, dass sie ein Spiel notfalls in letzter Minute für sich entscheiden können. „Natürlich ist das eine Qualität“, sagte Trainer Babbel. „Das kommt aber auch mit den Erfolgen.“ An Erfolg mangelt es Hertha derzeit nicht. Seit Samstag, seit der Niederlage der Mainzer gegen den HSV, sind die Berliner die einzige Mannschaft im deutschen Profifußball, die in dieser Saison noch nicht verloren hat.

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