Sport : Rowdy-Fußball: Wer hingeht, ist selbst schuld

Werner Raith

Mannschaftskapitäne, die in den Kabinen gegnerische Spieler rollstuhlreif prügeln, wie in Como im vergangenen November. Tifosi, die mal schnell über die Schutzgitter klettern, den gegnerischen Torhüter ohrfeigen, wie am vergangenen Wochenende in Catania. Fangruppen, die vor den Stadien mit Messern aufeinander losgehen und drei Dutzend teils Schwerverletzte auf dem Asphalt hinterlassen, wie am selben Tag in Rom nach dem Spiel Lazio - Neapel. Molotow-Cocktails auf die Busse der Gegner wie Ende des vergangenen Jahres auf die Fahrzeuge von Inter Mailand.

Fußballalltag in den italienischen Profiklassen.

So viel wie in den letzten drei Monaten wurde in und um Italiens Fußballstadien seit langem nicht mehr gerauft, getreten, geschlagen und gezündelt, wenngleich es - bisher jedenfalls - noch keine Todesfälle gab wie vor zehn Jahren, als einzelne Tifosi regelrecht abgeschlachtet wurden. Die Profispieler-Verantwortlichen zeigen sich "besorgt", wie der kommissarische Leiter des Fußballverbandes, Giovanni Petrucci: "Drastische Maßnahmen" wolle man künftig vorsehen, und darüber soll im Laufe dieser Woche beraten werden.

"Nutzloses Geschwätz" erwartet sich davon freilich der Chef der Spielergewerkschaft, Sergio Campana, "wie immer: denn die Maßnahmenkataloge gibt es doch längst, nur werden sie nicht angewendet." Sie reichen vom Abbruch einer Partie über die langfristige Sperrung unsicherer Plätze bis zum totalen Ausschluss der Zuschauer (und sogar des Fernsehens) aus den Stadien. "Doch das Profitinteresse der Klubs", sagt Campana weiter, "garantiert, dass gerade diese Sanktionen kaum einmal eingesetzt werden."

Nicht nur die geldbedürftigen Vereine sind ins Visier von Campana und anderen Kritikern geraten - auch die Ordnungskräfte und die Justiz. "Die Polizei prahlt nach Ausschreitungen immer gerne damit, dass sie drei Dutzend Gewalttäter festgenommen hat. Dass die aber am nächsten Tag allesamt wieder frei sind, sagt uns keiner." Tatsächlich scheint Italiens Staatsanwälte bei Fragen von Stadiongewalt immer eine unerklärliche Milde zu befallen. Kommt es nicht wie seinerzeit zu Todesfällen, gilt die Maxime: Wer hingeht, ist selbst schuld."

Deshalb fordern führende Mitglieder der Spielergewerkschaft denn auch härtere Gesetze vom Staat. Etwa, dass jeder, der wegen Verdachts von Übergriffen verhaftet wird und diesen nicht sofort entkräften kann, bis zu 14 Tage im Gefängnis bleibt. Natürlich gibt es dagegen verfassungsrechtliche Bedenken, weil derlei Maßnahmen einer Präventivhaft gleichkommen, wie der Strafrechtler Tommaso Mancini feststellt. Deshalb werden der Initiative nur wenig Chancen eingeräumt. Eher schon könnten die in Italien immer mal wieder angewendeten administrativen Strafen Erfolg haben: Auffällig gewordene Tifosi müssen sich just während der Spiele ihrer Mannschaften auf der heimischen Polzeistelle melden und dort umständlich Formulare ausfüllen, sodass sie sich nicht zu ihren Kumpanen gesellen können. Dazu sollen bei Auswärtsspielen künftig nur noch solche Fans in die Reisebusse und Sonderzüge gelassen werden, die auch tatsächlich im Besitz einer Eintrittskarte sind und vor Reiseantritt ihre Identität per Personalausweis in einer eigenen Liste eintragen lassen.

Der dadurch gewonnene Sicherheitszuwachs ist nur relativ - wer mit dem eigenen Auto kommt, wird gar nicht erst erfasst. Und auch die Forderung, streitbare Fans erstmal 14 Tage ins Gefängnis zu stecken, hat sich am letzten Sonntag als nicht sonderlich realitätsnah erwiesen: Obwohl die Polizei in ganz Italien mehr als 300 Schlägereien nach den Partien zählte, konnte kein einziger verhaftet werden.

Nicht einmal der Fan, der in Catania über das Gitter sprang und dem Torwart die Ohrfeige verpasste, wurde dingfest gemacht.

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