Sport : Rowdys jagen nach Feierabend

Wie Berlins Staatsanwälte sich auf die WM einrichten

Katja Füchsel

Berlin - Es ist eher eine Zelle als ein Zimmer. Zwischen die weiß getünchten Wände passt gerade mal ein kleiner Schreibtisch, zwei Stühle, ein Regal – und mittendrin sitzt der Staatsanwalt. Jens Raupach, 43, trägt einen Wollpulli, Jeans und Winterjacke. Gerade eben hat der Schiedsrichter ein Heimspiel von Hertha BSC im Olympiastadion angepfiffen, doch vom Fangetöse dringen nur ein paar Schallfetzen nach unten in die Polizeiwache. „Alles ganz ruhig heute“, sagt Raupach – und gerade das scheint ihn etwas zappelig zu machen. Es sind ja nur zwei Treppen, die den Juristen von der Tribüne, von Herthas Heimspiel trennen.

Aufgang 11, fast ganz oben, da stehen sie, so lange es im Stadion friedlich bleibt: die Berliner Ankläger. Raupach arbeitet hauptberuflich als Oberstaatsanwalt, er leitet im Kriminalgericht Moabit die Abteilung 11, zuständig für die Straftaten mit politischem Hintergrund. Gewissermaßen nebenberuflich ärgert sich Raupach im Olympiastadion mit gewalttätigen Fans und Hooligans herum. Freiwillig, an den Wochenenden oder wie heute nach dem Feierabend. „Wer nicht sportbegeistert ist, wird sich das nicht antun“, sagt Raupach. Er selbst hat früher Badminton in der Bundesliga gespielt.

Als Sportenthusiast steht Raupach ein einzigartiges Jahr bevor: Die Berliner Staatsanwaltschaft hat den Juristen zu ihrem WM-Beauftragten ernannt. Er stellt die Extra-Einsatzpläne der Ankläger zusammen, er verhandelt derzeit mit den Sicherheitskräften, den Gerichten, den Staatsanwälten anderer europäischer Länder, er kümmert sich um Konferenzen und Fortbildungen, um die großen und die kleinen Probleme. „Das geht bis dahin, dass genug rotes Papier für Haftbefehlsanträge vorhanden ist.“

Eine Beleidigung, Taschendiebstahl, eine versuchte Körperverletzung – Kleinkram eben. Bis zur Halbzeitpause passiert heute im Olympiastadion nichts, was die Polizei unten in ihrer Wache nicht alleine regeln könnte. Und deshalb können sich die drei Ankläger am Aufgang 11 wie alle Fans aufs Spiel konzentrieren. Hertha stürmt, Staatsanwalt Uwe Storm brüllt: „Verdammter Mist! Nein!“ Die Stadionanzeige hat gerade das 0:1 gegen den MSV Duisburg, seinen Heimatverein, verkündet.

Uwe Storm ist vielleicht Deutschlands dienstältester Stadionanwalt. Als er 1995 begann, galten die Berliner mit dem Projekt noch als Vorreiter. Heute stellt fast in jeder Stadt die Staatsanwaltschaft einen Kollegen ins Stadion ab. „Am Anfang hieß es unter den Kollegen: Ihr wollt ja nur das Spiel umsonst sehen“, sagt Storm. Doch mit jedem Verletzten und jeder Prügelei wuchs das Ansehen der Ermittler: Weil sich die Staatsanwälte gleich an Ort und Stelle um die Beweise kümmern, gegebenenfalls den Kandidaten selbst beim Haftrichter vorführen und später im Prozess die Anklage führen. Storm gehört ebenfalls zur Abteilung 11, die auch für „Straftaten im Zusammenhang mit sportlichen Großveranstaltungen“ zuständig ist.

Halbzeit, zurück in der Stadionwache. Ein Zivilbeamter, mit Headset und Jeans, steht in der Tür: Er hat zwei Fans vorm Stadion erwischt, als sie „Pyrotechnik gezündet“ haben, und dann noch weitere Kanonenschläge im Gepäck gefunden. Was soll er jetzt in die Strafanzeige schreiben? „Verstoß gegen das Versammlungsrecht – das würde ich hier bejahen“, sagt Storm. Im Konferenzraum nebenan setzen sich etwa 20 Männer an einen langen Tisch: Polizei, Ordner, Hertha, BVG, Bundespolizei, Staatsanwaltschaft – alle haben einen Vertreter geschickt. Und alle sind zufrieden. „Beim letzten Spiel waren die Zellen der Wache zeitweise gut besetzt“, erzählt Stadionanwalt Matthias Rebentisch.

Das Olympiastadion, in dem am 9. Juli das WM-Finale stattfindet, macht den Ermittlern ihre Arbeit leicht. Weil hier die gegnerischen Fans strikt voneinander getrennt sind und die Polizei jedes Mal – in Uniform und in Zivil, mit Hundeführern und zu Pferd – massiv aufläuft. Daran, sagt Raupach, wird sich auch während der WM wohl nichts ändern. Als viel gefährlicher, weil absolut unberechenbar, gilt hingegen das Treiben der Hooligans in der Stadt: vor den Leinwänden der Fanmeilen, in den Biergärten, vor den Fernsehern der Kneipen, auf den Straßen. „An jedem Tag und jedem Ort können die gewalttätigen Fans aufeinander prallen“, sagt Raupach, „und das macht uns schon Sorgen.“

Keine Frage: Rebentisch will bei der WM dabei sein, Storm sowieso. Für rund fünf Wochen wird Abteilungschef Raupach einen extra WM-Bereitschaftsdienst aufstellen. Rund um die Uhr sollen die Staatsanwälte erreichbar sein, damit Gewalttäter schnell ins Gefängnis oder zurück in ihre Heimat geschickt werden können. 14 Staatsanwälte hat Raupach für den 24-Stunden-Dienst bereits verpflichtet, alle haben sich freiwillig gemeldet. Eine bunte Truppe, Kollegen unter anderem aus der Rauschgift-, Jugend- und Verkehrsabteilung sind vertreten. Dass sie sich für den WM-Dienst nicht eine Überstunde anschreiben lassen dürfen, schreckt die Ankläger offenbar nicht. Raupach lacht. „Wann wird man schon wieder eine WM im eigenen Land erleben können?“

Beim Hertha-Spiel steht es immer noch 0:0. Storm schaut zufrieden durchs Rund. Selbst unten im Hertha-Block, wo die nicht immer ganz friedlichen „Harlekin“-Fans ihre Banderole gespannt haben, geht es heute gesittet zu. Die Berliner Ermittler kennen ihre Kandidaten, „und auch über die englischen Hooligans wissen wir ’ne ganze Menge“, sagt Raupach. Mehr Unbehagen bereiten seinem WM-Team die Fans aus Osteuropa, vor allem die aus Polen: Es gibt noch wenig Informationen über die osteuropäische Hooligan-Szene, die Einreise ist an der langen Grenze für sie einfacher und für die Ermittler unübersichtlich. Raupach will Krawalle nicht herbeireden und doch auf das Schlimmste gefasst sein. „Wenn dann doch nichts passiert, freuen wir uns – und gucken Fußball.“

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