Sport : RTL macht das Springen zur Unterhaltungsware

Ernst Podeswa

Unter dem Dach des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) hat ein neues Zeitalter begonnen. "Erstmals geht beim DSV aus Fernsehverträgen der größte Anteil nicht an die Alpinen, sondern an die Skispringer", sagt Sportdirektor Helmut Weinbuch. "Wir können nun pro Jahr insgesamt drei Millionen Mark an Prämien an die Sportler ausschütten." Bisher standen dafür 490 000 DM zur Verfügung.

Der neue Geldsegen resultiert aus einem Fernsehvertrag, der dem DSV vom 1. Januar 2000 an über drei Jahre 48,5 Millionen DM in die Kassen bringt. "Das Angebot von ARD/ZDF lag dicht dran, das von der Kirch-Gruppe insgesamt sogar höher, aber das Konzept von RTL hat uns am meisten überzeugt", sagt Weinbuch. Also bekam der Kölner Privatsender den Zuschlag. Der reichte übrigens die Rechte für alpine Weltcuprennen in Deutschland an ARD/ZDF weiter. RTL erwarb zugleich von der Internationalen Skiföderation FIS die TV-Rechte für die Nordischen Ski-Weltmeisterschaften 2000, 2002 und 2004. Hauptmotiv war, das "Paket Skispringen und Skifliegen komplett im Angebot zu haben", wie RTL-Rechteexperte Jörg Ullmann im Oktober erklärte.

Der Verlust der Fußball-Champions-League an tm3 hat bei dem Sender Millionenbeträge freigesetzt. Wohin damit, um hohe Einschaltquoten und möglichst ergiebige Werbeeinnahmen zu erzielen? Angesichts einer Zuschauerresonanz bei ARD/ZDF von mehr als zwölf Millionen beim Neujahrsspringen lag die Antwort auf der Hand. "Wir machen das Skispringen zur Formel 1 des Skisports. Sven Hannawald und Martin Schmitt spielen künftig die Rolle der Schumacher-Brüder. Bei den Kommentatoren wird Dieter Thoma der Niki Lauda und Günter Jauch der Florian König des Skispringens." Das heißt auch: RTL will der schillernden Soap-Linie der Sportberichterstattung, angefangen mit "ran" bei Sat 1, fortgesetzt durch Boxen und Formel 1 bei RTL, ein neue Nuance hinzufügen. Ein poppiger Spezialsong ist bereits kreiert.

Skepsis bleibt. Denn das Publikum schätzte Skispringen bisher vor allem wegen des sportlichen Gehalts. Nun kommen lange Vor- und Nachberichte dazu, mit Werbepausen und Ballyhoo am Rande. RTL besitzt Exklusivverträge mit Schmitt und Hannawald sowie Bundestrainer Reinhard Heß. Ist bei dieser Konstellation objektive Berichterstattung noch möglich? "Für uns geht es nicht um Sportberichterstattung. Für uns ist das Skispringen eine Unterhaltungsware, die vor allem Quoten und später Gewinn abwerfen soll", hat RTL verlauten lassen. Eine Aussage, die für sich spricht.

Auch Bundestrainer Heß hat zugegeben, gewisse Bedenken zu haben. "Ich akzeptiere schon den Wunsch der Medien, neue Sporthelden präsentieren zu wollen. Aber der Sport muss im Mittelpunkt bleiben." Noch mehr Sorgen bereitet ihm, dass seine bis dahin bodenständigen Helden im neuen medialen Höhenflug abheben könnten. Weil Hannawald/Schmitt nun finanziell weit vor den anderen segeln. Auf dem Flug nach Japan räkelten sich die Jungstars in der Business Class, der Rest saß im Touristenabteil. Die Spaltung seiner einst verschworenen Truppe, das weiß Heß, hat begonnen. Um den Schaden zu begrenzen, hat er die Manager von Hannawald und Schmitt aufgesucht und um Hilfe und Verständnis gebeten.

An diesem Wochenende in Kuopio kommt RTL übrigens noch nicht zum Zuge. Die Kölner können noch bis zum Neujahrsspringen an ihrer neuen virtuellen Skiwelt basteln.

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