Sport : RTL, Schulz und Klitschko machen in Köln das große Geschäft

Michael Rosentritt

Seit Henry Maske gibt es in Deutschland keine Boxabende mehr, sondern Themenabende. Dabei ist eine recht lustige Entwicklung zu beobachten: Je hochtrabender das Motto eines Kampfes ausfällt, desto schlechter ist er. Wenn man dem übertragenden Sender RTL Glauben schenken darf, so wird heute Abend, so etwa ab 22.20 Uhr, in Köln die "Stunde der Wahrheit" schlagen. Die Herren Axel Schulz und Wladimir Klitschko werden sich gegenüberstehen und so ganz nebenbei den Titel des Europameisters im Schwergewicht ausboxen. Das interessiert keinen Menschen. Allein der Kampf zählt, Schulz und Klitschko könnten auch um den Titel "Heinz der Woche" oder "Schürzenjäger von Bad Saarow" boxen. Was zählt, ist, dass sie es tun. Wo sie sich doch beide so lange gedrückt haben.

Also bitte, "Stunde der Wahrheit". Auf jeden Fall aber wird es eine Stunde des Geldverdienens. Etwa drei Millionen Mark erhalten die Burschen jeweils. Auch wenn der Kampf gar nicht über die angesetzten zwölf Runden gehen sollte, was hauptsächlich Klitschkos Anhängerschaft erwartet.

Seit drei Wochen gibt es kein Ticket mehr für diesen Abend in der Kölnarena. 18 000 Karten zwischen 40 und 1800 Mark wurden verkauft. Und RTL rechnet erstmals seit Maske wieder mit mehr als zehn Millionen Fernsehzuschauern. Ein Erfolg ist dieser Kampf lange vor dem ersten Gong. Vielleicht reicht er ja ran an die drei großen Kämpfe der letzten Jahre in Deutschland, an die zwei Maske - Rocchigiani-Duelle und den Kampf von Rocchigiani gegen Michalczewski. Nur diese Kämpfe waren schon im Vorfeld ähnlich interessant wie der heutige.

Zum Kampf. Das Wesentliche ist schnell gesagt. Wer verliert, ist erst einmal weg vom Fenster, wie es im Boxerjargon so schön heißt. Sollte Schulz verlieren, wäre er nicht nur weg vom Fenster, sondern ganz vom Boxen. Er werde aufhören, sollte er verlieren, hatte der Brandenburger gesagt. Was nur konsequent wäre, schließlich ist es für den 30-jährigen Normalausleger der sechste Titelkampf. Drei WM-Kämpfe hat er schon verloren, gegen Foreman, Botha und Moorer. Zweimal ist es ihm nicht gelungen, Europameister zu werden (Unentschieden und Niederlage gegen Akinwande). Reich ist er trotzdem geworden, der Axel, der weiche Riese von nebenan. Viele Menschen finden ihn sympathisch. Wenige finden, das aber schon sehr lange: Das wird sowieso kein Großer.

Größer ist jedenfalls schon mal sein heutiger Gegner. Klitschko misst zwei Meter glatt und ist damit zehn Zentimeter höher als Schulz. Außerdem ist er auch schwerer als Schulz. Für den Olympiasieger von 1996 sprechen seine Frische, seine Schnelligkeit und seine Schlagkraft. Die physischen Vorteile liegen klar bei dem Mann aus der Ukraine, der seit drei Jahren in Hamburg lebt und trainiert. Zudem hat er mit Fritz Sdunek einen Sekundanten in seiner Ecke, der nun wirklich etwas vom Boxen versteht. Sdunek hatte unter anderen auch Klitschkos Bruder Witali zum Weltmeister gemacht. Klitschkos Kampfrekord (28 Siege, 26 durch K.o., eine Niederlage) allerdings ist wenig aussagekräftig. Was allerdings nicht Klitschko anzukreiden ist, schließlich sucht er sich nicht die Gegner aus.

Für Schulz spricht natürlich die Erfahrung. Klitschko ist gerade mal 23 und damit sehr jung für einen Schwergewichtler. Schulz kennt das Theater um einen solch wichtigen Kampf. Das dürfte ein Vorteil sein. Er verfügt zwar nicht zwingend über einen harten Punch, doch wenn er nicht wieder zaudert und zu viel nachdenkt, sondern Klitschko konsequent mit kleinen Schlagserien unter Druck setzt, hat er eine Chance. Zudem wird es Klitschko schwer fallen, Schulz durch K. o. zu bezwingen. Niemand hatte Schulz bisher auf dem Boden.

Ein Risiko bleibt allerdings die Verletzungsanfälligkeit des Brandenburgers. Schon nach schwächeren Treffern schwellen ihm schnell die Augen zu. Das wäre übrigens auch ein schönes Motto für einen solchen Themenabend gewesen: "Augen zu und durch."

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