Ruder-Weltmeisterschaft : Das Recht des Stärkeren

Mathias Rocher wollte eigentlich im Vierer rudern – doch das WM-Halbfinale in Posen erreichte er nun im Einer.

Frank Bachner[Posen]
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Volle Kraft voraus. Mathias Rocher sieht seine Zukunft nun im Einer.Foto: p-a/dpa

Diese Geschichte mit der Boje, die hat ihn richtig mitgenommen. Ein Skull blieb plötzlich an der Boje hängen, auf einmal hatte Mathias Rocher nichts mehr in der linken Hand, musste nachgreifen und verdammt viel Kraft für die Aufholjagd aufwenden. Er fuhr noch auf den zweiten Platz im Hoffnungslauf, fürs Einer-Halbfinale am Donnerstag bei der Ruder-Weltmeisterschaft in Posen hat es also noch gereicht. „Aber so etwas darf nicht passieren“, sagt Rocher. „Nee“, sagt auch Roland Oesemann, der Trainer, „nicht bei einer WM“.

Rocher zieht die Schultern hoch, dann sagt er: „Ich weiß nicht, woran es lag.“ Vielleicht doch daran, dass er hier „so locker ist“. Schon im Vorlauf ist er „eher mit einem Trainingsschlag gefahren“. Das zwang ihn zum Umweg in den Hoffnungslauf. Es hat halt auch seine Nachteile, wenn man „nichts zu verlieren hat“. Wobei Rocher damit durchaus recht hat. Er ist der Neue im Einer, er ist erst 19 Jahre alt und manchmal sogar noch Fan im Nationaltrikot. Im Finale von Luzern, beim Weltcup, lag er am Start zwischen Mahe Drysdale (Neuseeland), dem dreimaligen Weltmeister, und Olaf Tufte (Norwegen), dem Olympiasieger 2008. Rocher starrte die Stars ehrfürchtig an. „Ein bisschen Sightseeing“ nennt er das. Am Ende wurde er Vierter. Damit hatte keiner gerechnet, am wenigsten Rocher selber. Mathias Rocher vom RC Magdeburg im Einer, das hört sich erst mal an wie eine Strafaktion. „Ich bin ja nicht freiwillig vom Doppelzweier umgestiegen“, sagt der 19-Jährige. Aber er war halt „der Beste von den Schlechten“. Und Oesemann sekundiert: „Wir sind ja ins kalte Wasser geworfen worden.“

Von Marcel Hacker, genau gesagt. Der hatte zwar wie so oft den Frühjahrstest gewonnen, aber in den Einer wollte er nicht mehr. Er hatte in Peking wieder mal das Olympiafinale verpasst, er hatte die Nase voll. Er stieg in den Doppelvierer. In den wollte eigentlich auch Rocher, weil er im Doppelzweier nicht zur WM durfte; die nationale Konkurrenz war stärker. Aber Hacker hatte mehr Rechte. Und jetzt ist Rocher dabei, seine Rolle zu finden. Einerseits ist der Neuling zehn Kilogramm leichter als die Konkurrenten, den anderen in Sachen Erfahrung und Renntaktik klar unterlegen. Andererseits ist der Einer natürlich auch eine Chance. Der Einer und der Achter sind die einzigen Boote, die von Medien und Sponsoren wirklich beachtet werden. Hacker förderte die Aufmerksamkeit, indem er sich als furchtloser Rebell inszenierte. Das sicherte ihm einen Sponsorenvertrag mit der Deutschen Bahn.

Über Hacker kann man sich profilieren. Also verkündete Rocher nach Platz vier in Luzern: „Im Kampf um das Einerticket für London 2012 kann sich Hacker warm anziehen.“ Hacker hat nämlich nicht ausgeschlossen, dass er bei den Olympischen Spielen in London wieder im Einer startet. Der Weltmeister und zweimalige Vize-Weltmeister Hacker lächelt gütig, wenn das Stichwort Rocher fällt. Aber Oesemann sagt auch: „Der Mathias meint ernst, was er sagt.“ Rocher sagt auf jeden Fall: „Der Einer macht Spaß. Das ist auf jeden Fall etwas für die Zukunft.“ Und auch Oesemann erklärt: „Er wird das Thema Einer annehmen.“

Aber in Posen geschieht dies noch mit viel Respekt. „Wenn ich ins Finale komme“, sagt Rocher, „mache ich ein Fass auf.“

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