Rudern : Der neue Kurs

Für den Deutschland-Achter geht es bei der Ruder-WM nicht bloß um einen sportlichen Neuaufbau.

Frank Bachner[Posen]
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Neue Einheit. Der umbesetzte Deutschland-Achter soll in Posen Gold gewinnen. Genauso wichtig ist Trainer Holtmeyer aber auch die...Foto: dpa

Die Tische des Restaurants stehen auf dem Marktplatz von Posen, unter einem riesigen Zelt, eingerahmt von wunderschönen historischen Fassaden. Die Leute vom Deutschland-Achter haben gerade gegessen, es ist kurz vor 22 Uhr. Da stehen Sebastian Schmidt, der Schlagmann, und Florian Mennigen auf. Der Rest der Besatzung ist Minuten zuvor verschwunden. Sie müssen schlafen, morgen um sieben Uhr ist Training. Sie müssen die Spannung halten, zwischen ihrem Vorlaufsieg und dem Finale am heutigen Sonntag bei der Ruder-WM liegen immerhin fünf rennfreie Tage.

Zu Hause, im Stützpunkt Dortmund, müssen sie schon um sechs Uhr aufs Wasser. Das haben sie dem Medizinstudenten Schmidt zu verdanken, der muss um acht Uhr im Hörsaal sitzen. Natürlich gab’s erst mal Gemurre, ein paar hätten gerne erst um sieben Uhr trainiert. Aber dass alle inzwischen ohne Diskussionen in aller Herrgottsfrühe ins Boot steigen, das macht den Unterschied zwischen dem Achter 2008 und dem Achter 2009 aus. Im vergangenen Jahr, sagt Schmidt, „hätten die anderen das nicht akzeptiert“. Nicht für den jungen Schmidt, der neu im Boot saß. „Die alte Besatzung“, sagt Mennigen, „war sehr festgefahren. Die schmorte im eigenen Saft und ist daran auch gescheitert.“ Die alte Besatzung holte sich 2006 den WM-Titel und wurde 2007 Vize-Weltmeister. Doch kurz vor Peking 2008, nach mäßigen Resultaten, wurde die alte Besatzung zum großen Teil durch Talente ersetzt. Schmidt und Mennigen durften allerdings bleiben. Der neue Achter, in dieser Besetzung noch nie gefahren, kam nicht mal ins Finale. Das Paradeboot! Ein Schock für den Deutschen Ruderverband (DRV). Danach eskalierte der Streit zwischen alter und neuer Besatzung.

Deshalb geht’s jetzt beim Achter um die ganz große Strategie, nicht bloß um den sportlichen Neuaufbau. Das Boot soll seinen Elitestatus wahren, der ihm die Aufmerksamkeit der Medien und der Sponsoren bringt, die Besatzung soll sich als etwas Besonderes fühlen, aber darf nicht hochnäsig auftreten, damit der traditionelle verbandsinterne Neid verringert wird. Die Auswahl der Besatzung soll sich so nachvollziehbar an Leistung orientieren, dass es alle akzeptieren, aber gleichzeitig dürfen interne Konflikte durchaus aufflammen.

Eine ziemlich harte Aufgabe also für Ralf Holtmeyer. Der Trainer des Deutschland-Achters sitzt auf einer Holzbank neben der Strecke und sagt versonnen: „Wir alle müssen uns ändern.“ Es gab zu viele Reibungen, die unnötig Energie kosteten. Er mag Reibungen, keine Frage. „Wenn man nur Harmonie hat, landet man bei der Thekenmannschaft.“ Aber Konflikte müssen diese optimale Dosis haben, dass sie konstruktiv sind.

Irgendwann hat er mal festgelegt, dass über die Trainingszeit sechs Uhr nicht mehr debattiert wird. Punkt. Andererseits „diskutieren wir Dinge, die sinnvoll sind“. Bestimmte Trainingsinhalte zum Beispiel. Holtmeyer hatte 1988 den Achter zu Olympiagold geführt, aber 2000, als das Boot sich nicht für Olympia qualifizierte, haben sie ihn zum Frauen-Achter abgeschoben. Jetzt ist er zurück, „und wir haben ziemlich viel Vertrauen in ihn“, sagt Mennigen.

Bis jetzt akzeptieren sich beide Seiten zum gemeinsamen Vorteil. Holtmeyer hat drei Leute aus dem Peking-Achter ins Boot geholt, aber die haben sich klar durch Leistung qualifiziert. Er lässt im WM-Training auch mal einen Ersatzmann mitrudern, das erhöht den Teamgeist. Holtmeyer hat seinen Athleten auch klargemacht, dass sie etwas Besonderes sind. „Damit müsst ihr leben“, hat er gesagt. Aber er achtet sehr darauf, dass sie eins nicht vergessen: Diesen Status verdanken sie nicht ihrer Persönlichkeit, sondern der Bedeutung des Boots, in dem sie sitzen. Sie können auch ganz schnell wieder rausfliegen.

Im Moment deutet wenig auf einen Wechsel. Die Besatzung ist seit April unverändert, sie gewann den Weltcup in Luzern. Natürlich soll das Boot auch in Posen Gold holen, aber das strategische Ziel, sagt Holtmeyer, „ist Olympia 2012. Ich glaube, da können wir einen Nagel in die Wand hauen.“

Die Frage könnte allerdings bald sein, wer 2012 Nägel in die Wand haut. Der Sponsorvertrag eines Konzerns mit dem Achter läuft Ende 2009 aus. „Auch wenn wir hier den Titel holen“, sagt Mennigen, „ist eine Vertragsverlängerung eher unwahrscheinlich. Wegen der Wirtschaftskrise.“ Angeblich 300 000 Euro pro Jahr fielen dann weg. Kommen die nicht anderweitig rein, sagt Mennigen, „geht’s für einige der Achter-Besatzung an ihre finanzielle Schmerzgrenze. Die müssten sich überlegen, ob sie weiterfahren.“

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