Rudern : Hackers Geschichte wiederholt sich

Ruderer Marcel Hacker hat das olympische Einer-Finale verpasst. In seinem Halbfinale wurde er nur Vierter. Schon 2004 in Athen war er vorzeitig gescheitert.

Frank Bachner
Peking 2008 - Rudern
Erschöpft und enttäuscht. Ruder-Hoffnung Marcel Hacker lässt nach seinem Halbfinal-Aus im Einer den Kopf hängen.Foto: dpa

Langsam, ganz langsam und müde drehte Marcel Hacker seinen Kopf, erst nach rechts, dann nach links. Aber da war kaum noch einer, seine wichtigsten Gegner hatten die imaginäre Ziellinie bereits hinter sich gelassen. Drei seiner wichtigsten Gegner, einer zu viel für Hacker. Er wurde nur Vierter im Halbfinale der Einer-Ruderer. Vierter, das bedeutet: das Finale um einen Rang verpasst.

Das bedeutet aber auch: noch ein Trauma. Dabei hatte er das erste noch nicht verdaut, das Halbfinal-Aus bei den Olympischen Spielen 2004. Und jetzt wieder das Gleiche. Seine ganze gockelhafte Selbstdarstellung, seine Macho-Sprüche, sein demonstratives Paradieren mit freiem Oberkörper auf dem Sattelplatz, das wirkte jetzt nur noch lächerlich. Dieser Muskelmann, der den Rebell gibt und diese Rolle lustvoll spielt, degradierte sich selber in gut einer Minute zum Mitläufer. Bis 300 Meter vor Schluss war er der souveräne Routinier, der ins Finale einzieht. Da lag er auf Rang drei. Doch dann zog Olympiasieger Olaf Tufte vorbei, der seine Antwort auf Muskelspiele am Sattelplatz auf dem Wasser gibt. Tufte wurde Zweiter hinter Lassi Karonen aus Schweden.

Andreas Maul nahm Hacker in den Arm, der Trainer, der Mann, der so eng mit Hacker arbeitet, dass der Ruderer mal im Spaß seinen Steuerberater fragte, „ob man uns nicht als ehe-ähnliche Gemeinschaft einstufen kann“. Hacker sagte: „Jetzt geht’s in B-Finale. Blick nach vorne.“ Typische Hacker-Sätze. Er kann nicht aus seiner Rolle, nicht in aller Öffentlichkeit jedenfalls. Schwäche zeigen bedeutet Niederlage.

Sensibler Kraftprotz

Doch die Niederlage konnte jeder sehen. Und jeder hatte wieder den Beweis, dass auch Hacker nur ein Mensch mit Gefühlen ist. Ein sensibler Kraftprotz. Er hat zu viele Rennen verpatzt, er hat zu oft Nerven gezeigt. Da passt Peking nur ins Bild. Er wurde 2002 Weltmeister und hatte bis zur WM 2003 in 41 Rennen in Folge gewonnen. Im 42. wurde er nur Zweiter. Es war das WM-Finale. Dann 2004, das Aus im Olympia-Halbfinale. Diese Pleite, gibt Hacker zu, „drückte mein Selbstwertgefühl auf null“. Dann die WM 2007 in München, auf der Strecke, auf der er täglich trainiert. Er wurde Fünfter. Bei einer Feier seines Vereins zeigten sie ihm auf der Videoleinwand unangekündigt sein Rennen. Für Hacker „war das ein Schlag ins Gesicht“.

Die Olympia-Vorbereitung war schon holprig. Er konnte nur bei einen Weltcup komplett bestreiten, in Luzern aber ruderte er nach 300 Metern ans Ufer. „Ich war total leer gefahren.“ Ein Magen-Darm-Infekt hatte ihn lahm gelegt.

Ansonsten legt ihm häufig genug die eigene Psyche nieder. Körperlich, das demonstriert er ja fast schon provokativ, ist er in Topform. Maul und er haben genug Erfahrung, um körperlich in Bestform zu kommen. Hacker, der Sensible, flüchtet sich zu seiner Staffelei, wenn er Probleme bewältigen muss. Hacker kann wunderbar malen, er kann auch wunderbar fotografieren, er hat ein Auge, das zeigt, wie viel Gefühl er für Details hat. Den Fotografen Hacker wird es immer geben. Der Ruderer Hacker möglicherweise nicht mehr lange. „Keine Ahnung, ob ich weitermache“, sagte er gestern. Er würde ja gerne auf seinem sportlichen Höhepunkt abtreten. Er müsste bloß noch mal kommen, dieser Höhepunkt.

Wie weit man mit psychischer Stärke kommt, zeigte der Vierer ohne Steuermann. Zwei Mann von der Stammbesetzung fielen gestern krankheitsbedingt aus, zwei junge Ersatzleute mussten an die Ruder. Und dann die Riesenüberraschung: Der Vierer kam als Halbfinal-Dritter ins Finale.

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