• Rudern: Verfehlte Olympia-Qualifikation des Achters kostet Verband guten Ruf und viel Geld

Sport : Rudern: Verfehlte Olympia-Qualifikation des Achters kostet Verband guten Ruf und viel Geld

Minutenlang verharrten die Verlierer bewegungslos im Ziel, niemand sprach ein Wort. Allmählich wurde zur Gewissheit, was kurz zuvor noch unvorstellbar schien. Die Olympischen Spiele in Sydney finden ohne den Deutschland-Achter statt. Der blamable dritte Rang bei der Olympia-Qualifikation hinter Kanada und Kroatien besiegelte das vorläufige Ende einer beachtlichen Erfolgsära. Sichtlich geschockt beschrieb Steuermann Peter Thiede die Folgen der unerwarteten Havarie des einstigen DRV-Paradebootes auf dem Luzerner Rotsee: "Alle anderen deutschen Boote können in Sydney die Goldmedaille gewinnen, aber die Leute werden eines fragen. Wo ist der Achter?"

Ausgerechnet in der Königsdisziplin bleibt dem größten Ruderverband der Welt nur die Zuschauerrolle. "Der deutsche Rudersport wird Jahre brauchen, um sich davon zu erholen", orakelte der ehemalige Achter-Recke und derzeitige Vertrauensmann der Athleten, Peter Hoeltzenbein. Nach jahrelanger Dominanz mit fünf Weltmeistertiteln (1989/90/91/93/95) und drei Olympia-Medaillen steht der Achter dort, wo er zuletzt Anfang der 80er Jahre stand - am Tiefpunkt. Schlagmann Robert Sens war untröstlich: "Das ist die größte Enttäuschung in meiner Laufbahn. Dabei hatten wir in den letzten Wochen wieder an uns geglaubt."

Der Auftritt in Luzern kostet nicht nur die Olympia-Qualifikation und den guten Ruf, sondern voraussichtlich auch eine Menge Geld. Angesichts der anhaltenden verbandsinternen Querelen um die Verteilung von Werbegeldern und der nun offenkundigen sportlichen Krise denkt der Achter-Sponsor "Telekom" über einen Ausstieg nach. Für den finanzschwachen Verband wäre der Rückzug des Sponsors, dessen Engagement sich auf 500 000 Mark pro Jahr plus Sachleistungen beläuft, ein herber Rückschlag. Zudem droht auf Grund fehlender Olympia-Punkte ein Verlust der Förderstufe eins. "Jetzt wird es schwer, diese Position zu halten", meinte DRV-Vizepräsident Holger Siegler.

Selbst die in aller Eile vorgenommenen Reparaturarbeiten konnten das Unheil nicht abwenden. Trotz diverser Umbesetzungen im Laufe der Saison und dem Trainerwechsel von Ralf Holtmeyer auf Dieter Grahn im Juni blieb die Crew erneut den Nachweis ihrer Klasse schuldig. "Der Zug ist weg, der nächste kommt erst in drei Jahren", klagte Steuermann Thiede, "bei der WM 2003 können wir uns hoffentlich für die Olympischen Spiele in Athen qualifizieren."

Doch zunächst müssen einige entscheidende Fragen geklärt werden. Zum Beispiel die, welcher Trainer die Crew zurück zu alten Erfolgen bringen soll. Die bisherige Konstellation mit Grahn als neuem Achter-Coach und Holtmeyer als Verbands-Cheftrainer bezeichnete DRV-Sportdirektor Michael Müller als "lediglich aktuelle Lösung", über die neu diskutiert werden müsse. Eine Entwicklung wie zu Beginn der 80er Jahre, als das Boot von vielen Athleten gemieden wurde, soll unter allen Umständen verhindert werden. Für Paul Dienstbach ist der Achter-Mythos trotzdem nicht in Gefahr. Der 19-Jährige sagt: "Eine Flucht aus dem Achter wie damals wird es nicht geben. Er bleibt die Prestigebootsklasse."

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