Sport : Rudi Völler: Alle warten auf sein Ja-Wort

Derart bedeutungslos war wohl noch nie Champions-League-Spiel. Selbst die 1,1 Millionen Mark Siegprämie sind diesmal lediglich Peanuts - vor Bayer Leverkusens letztem Champions-League-Gruppenspiel heute (20 Uhr 45/live in Premiere World) bei Sporting Lissabon dreht sich alles um drei Fragen: Gegen Portugals Meister wird Rudi Völler zum sechsten Mal seit seiner unfreiwilligen Inthronisierung zum Teamchef auf der Bayer-Bank sitzen, doch wie lange noch? Wann gibt er dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) für den Teamchef-Job die Zusage, und wer wird sein Nachfolger bei Bayer?

"Wegen der vielen Spiele hatte ich bisher gar keine Zeit, darüber nachzudenken", hatte Völler nach dem 1:0 in der Bundesliga gegen Eintracht Frankfurt am vergangenen Freitag erklärt. Zwar fehlt offiziell noch die Zustimmung von "Rudi", aber die Entscheidung soll längst gefallen sein. Der Weltmeister von 1990 bleibt offenbar Sportdirektor bei Bayer, ansonsten soll der als Heilsbringer des deutschen Fußballs gefeierte Mann nach dem EM-Desaster im vergangenen Sommer den dreimaligen Weltmeister zur WM-Endrunde 2002 in Japan und Korea führen und das Team dann auch bei diesem Turnier betreuen.

Der Stress des Doppel-Teamchefs ist dem 90-maligen Nationalspieler zu groß: "60 Spiele in einer Saison sind zu viel. Es ist klar, dass die Doppelbelastung nicht lange gehen kann. Es geht nicht um meinen Stress. Die Teams dürfen nicht leiden - weder Leverkusen noch die Nationalmannschaft." Am Mittwoch ist eine "Elefantenrunde" zwischen dem Konzern der Bayer AG mit dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Manfred Schneider an der Spitze und dem designierten DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder in Leverkusen anberaumt. Themen: der "Fall Völler" und der mögliche Ausbau der BayArena für die WM 2006. Der DFB will bei dieser Runde offiziell von der Bayer AG die Freigabe für Völler erwirken. Bayer hofft in dieser Gesprächsrunde laut Manager Reiner Calmund auf einen Kompromiss, "der alle Seiten zufrieden stellt". Die Freigabe von Sportdirektor Völler aus seinem bis 2003 befristeten Kontrakt will der nach dem Wirbel um den ehemaligen Trainer Christoph Daum angeschlagen wirkende Calmund partout nicht erteilen: "Wir sind kein Selbstbedienungsladen. Der Vertrag mit Rudi wird nicht aufgelöst, das würden unsere Fans und unser Umfeld uns nicht verzeihen. Das Maß des Erträglichen ist voll, da passt kein Tropfen mehr drauf. Wir brauchen den Rudi als emotionale Kultfigur."

Bayers Führungstrio mit Calmund, Völler und Finanzchef Wolfgang Holzhäuser ("Es gibt eine 3:0-Entscheidung") hat für die Völler-Nachfolge drei Trainer im Visier: der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts will Bayer helfen, solange Völler für den DFB arbeiten würde. Klaus Toppmöller steht zwar beim Erstliga-Kandidaten 1. FC Saarbrücken bis 2003 unter Vertrag, räumt aber ein: "Es kommt darauf an, wie sich Völler entscheidet. Wenn so ein Angebot kommt, braucht man nicht lange zu überlegen." Den Namen des dritten Kandidaten wollte Calmund nicht nennen: "Rudi würde den Trainer-Job lieber heute als morgen abgeben. Die Winterpause wäre vielleicht die letzte Deadline."

Bis Mitte November soll die Entscheidung fallen. "Wir haben drei Kandidaten, mit denen wir gut leben können. Beim Bundesliga-Spiel beim SC Freiburg am kommenden Samstag wird Rudi Völler aber definitiv noch auf der Bank sitzen", sagte Calmund.

Toppmöller bestätigte bereits Kontakte zu Bayer, hat aber nach eigenem Bekunden noch keine konkreten Vereinbarungen mit dem Klub getroffen: "Zunächst konzentriere ich mich auf meine Arbeit in Saarbrücken." Toppmöller hatte an der Saar einen Vier-Jahres-Vertrag, schloss aber seinen ersten vorzeitigen Ausstieg aus einem Trainer-Kontrakt nicht aus: "Man soll nie nie sagen. Fußball ist ein Tagesgeschäft."

Toppmöller und Vogts liefern sich um Völlers Erbe ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wobei der dreimalige Nationalspieler und frühere Profi des 1. FC Kaiserslautern (204 Bundesligaspiele/108 Tore) bei den Spielern offenbar höher gehandelt wird. "Vogts ist fachlich kompetent. Die Frage ist, wie er in der Bundesliga klar kommt, da er bislang nur im Verband tätig war. Toppmöller hat diese Erfahrung und kommt in der Öffentlichkeit sympathisch rüber", sagte Nationalspieler Carsten Ramelow.

Ungeachtet der Probleme wollen die für den Uefa-Cup qualifizierten Bayer-Profis ihre Erfolgsserie unter Teamchef Völler mit vier Siegen und einem Unentschieden sowie dem Sturm in die Spitzenränge der Bundesliga gegen Sporting Lissabon im 61. Europapokalspiel fortsetzen. Auch wenn "rotiert" wird, weil "Gelbsünder" Jens Nowotny sowie die verletzten Ulf Kirsten und Jörg Reeb fehlen.

Leistungsträger Michael Ballack oder Oliver Neuville sollen in der bedeutungsloen Partie nach den Belastungen in den vergangenen Wochen eine schöpferische Pause erhalten.

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