Sport : Rudi Völler: Ins Zentrum des Chaos

Stefan Hermanns

Der Redakteur vom Bayerischen Rundfunk, Abteilung Fernsehen, maulte und moserte. Die Zeit drängte, doch Rudi Völler stand bis auf weiteres nicht für ein Interview zur Verfügung. Der Teamchef der Fußball-Nationalmannschaft war von den übrigen deutschen Journalisten eingekesselt und antwortete auf die Fragen eines Redakteurs vom Bayerischen Rundfunk, Abteilung Hörfunk. Schließlich wurde es dem Mann vom Fernsehen zu bunt. Hinterrücks zerrte er seinem Kollegen den Kopfhörer von den Ohren, um selbst an die Reihe zu kommen. Doch so geht es natürlich nicht. "Das war nicht okay", sagte Rudi Völler auf dem Weg zum Mannschaftsbus. "Du musst ein bisschen anständig sein." Und weil sich Dreistigkeit nicht lohnen darf, verhängte Völler auf der Stelle einen sofortigen Interviewboykott gegen den ungehobelten Fernsehreporter.

Rudi Völler hat in seinem Leben viele Rollen gespielt: Stürmer und Publikumsliebling. Nationalspieler und Publikumsliebling. Sportdirektor und Publikumsliebling. Seit einem Jahr fungiert er als Teamchef der Nationalmannschaft, und am Abend des 2:0-Sieges seiner Elf gegen Albanien überzeugte Völler auch als oberster Tugendwächter. Um ihn tanzte das Chaos. In einer improvisierten Mixedzone vor dem Qemal-Stafa-Stadion zu Tirana mischten sich auf engstem Raum nicht nur wie üblicherweise Spieler, Journalisten und Kameramänner, sondern auch Kofferträger und eigentlich nicht zugelassene albanische Autogrammjäger; Völler behielt trotz allem den Überblick.

Irgendwie ist das typisch für ihn und seinen beruflichen Werdegang in den vergangenen elf Monaten. "Dieses Jahr war sicherlich auch für mich sehr abenteuerlich", sagte Völler. "Es ist schon einiges passiert." Als er im Juli vorigen Jahres die Verantwortung für die deutsche Nationalmannschaft zugelost bekam, galt die ehemalige Elite-Einheit in großen Teilen der Öffentlichkeit nur noch als Ansammlung dekadenter Versager; inzwischen führt sie ihre Qualifikationsgruppe zur Weltmeisterschaft 2002 recht souverän vor den Engländern an. "Das war ein Riesenschritt zur Qualifikation", sagte der Berliner Sebastian Deisler nach dem 2:0 in Tirana, dem höchsten Sieg gegen eine albanische Mannschaft seit gut 20 Jahren.

Es sind nicht die Erfolge gegen Mannschaften wie die Slowakei oder Albanien, die den Unterschied zu früher ausmachen. Gewonnen haben deutsche Nationalmannschaften solche Spiele schon immer. Es ist auch nicht so, dass die Darbietungen von Völlers Team das Publikum nun wieder regelrecht verzückten. Der Sieg gegen die Albaner kam recht routiniert und vor allem in der zweiten Halbzeit schon fast leidenschaftslos zustande. "Man merkt schon, dass die Spieler froh waren, dass die Saison jetzt zu Ende ist", sagte Völler. "Und trotzdem war die Einstellung top." Unter Völlers Vorgänger Ribbeck war sie dies zuletzt nur selten, nicht einmal bei der Europameisterschaft im vergangenen Sommer.

Die auffälligste Veränderung zur Endphase des Ribbeckschen Interregnums ist jedoch, dass die Mannschaft in der Lage ist, Völlers Vorstellungen auf dem Spielfeld auch umzusetzen. Am vergangenen Wochenende gegen Finnland zeichnete sich die deutsche Defensive noch durch geballten Dilettantismus aus. Vier Tage später agierte sie - nach anfänglichen Schwierigkeiten - wieder so, wie Völler es verlangt hatte: kompakt und konzentriert. Und zwar, ohne dass der Teamchef der deutschen Sehnsucht nach dem Libero historischer Prägung nachgegeben hätte. "Das ganze Defensivverhalten war sehr in Ordnung", sagte Marko Rehmer, der das 1:0 erzielt hatte. "Wir haben heute sehr kontrolliert gespielt", fand Abwehrchef Jens Nowotny. "Wir waren geduldig", sagte Völler. "Die Engländer mussten bis zur 75. Minute warten, bis sie hier das erste Tor gemacht haben."

Da führten die Deutschen bereits 2:0, und dass sie ihre wenigen großen Chancen so konsequent genutzt hatten, wertete der albanische Stürmer Igli Tare bereits als unverwechselbares Kennzeichen einer Weltklassemannschaft. Ein bisschen viel Ehre für das deutsche Team. "Auf jeden Fall ist man auf dem Weg nach oben", sagte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder über die Entwicklung des vergangenen Jahres. Man könne sich mit der europäischen Spitze wieder messen, "ohne da ängstlich in die Spiele gehen zu müssen". Völler ist als Teamchef "ein Glücksfall", sagte Mayer-Vorfelder. "Zusammen mit Michael Skibbe hat er eine hervorragende Arbeit geleistet, nicht nur was die Ergebnisse anlangt, sondern auch in der Heranführung junger Spieler." Michael Ballack, Sebastian Deisler und Gerald Asamoah sind schon jetzt Stammspieler, "und hintendran stehen auch schon wieder welche", sagte Mayer-Vorfelder. "Deswegen ist mir nicht bange für die Zukunft." Vor einem Jahr sah das noch etwas anders aus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar