Sport : Rückendeckung vom Mentor

Werder Bremen hält viel von Mesut Özil – selbst Diego überlässt ihm gegen die Bayern die Regie

Sebastian Krass

München - Mesut Özil wird wohl nie in die Verlegenheit kommen, als Rhetorikdozent angefragt zu werden. Wenn Özil über Fußball spricht – nach etwas anderem fragt ihn in der Öffentlichkeit selten jemand – dann kommen ihm stets nur die aller-allgemeinsten Gemeinplätze über die Lippen. Unterhaltsam ist das normalerweise nicht. Man darf es Özil aber auch nicht zum Vorwurf machen. Er ist erst 19 Jahre alt. Umso heller schimmert es, wenn ihm doch mal eine Pointe herausrutscht – und sei es unfreiwillig. Nach dem fulminanten 5:2 seines SV Werder Bremen bei Bayern München sagte Özil: „Wir wussten, dass es schwer wird bei den Bayern.“ Leise sagte er das, wie immer, und brachte seine Zuhörer zum Schmunzeln.

So wie die Bremer zwischen der 30. und der 67. Minute – in einer guten halben Stunde also – ihre Tore erzielten, wirkte es, als gäbe es nichts leichteres: jeder Schuss ein Treffer. Und der Mann des Spiels war Mesut Özil. Das 1:0 von Rosenberg bereitete er mit einem blitzgescheiten Pass vor, das 2:0 mit einer Freistoßflanke, die sich tückisch Richtung Tor absenkte. Und das 3:0 schoss er rotzfrech selbst. Links am Strafraumeck stand ihm Massimo Oddo gegenüber, immerhin ein Weltmeister von 2006. Doch das war Özil egal. Er zog einfach ab, hoch auf das kurze Eck.

Für Bremens Manager Klaus Allofs war Özils Auftritt nur die logische Folge der guten Ansätze, die er in dieser Saison bereits gezeigt hat: „Mesut hat überragende Fähigkeiten, das hat er wieder mal gezeigt. Er kann ein sehr, sehr guter Spieler werden.“ Wichtig ist in diesem Zusammenhang das Wort „kann“. Sicher können sie sich in Bremen noch nicht sein, in welche Richtung die Entwicklung ihres größten Talents geht. Zu frisch sind noch die Erinnerungen an die chaotischen Umstände von Özils Wechsel vom FC Schalke 04 nach Bremen Anfang dieses Jahres. Damals war viel böses Blut im Spiel. Özil steckte in einem unübersichtlichen Interessengeflecht und stand plötzlich in der Öffentlichkeit als geldgierig und charakterlos da.

Als er seine Arbeit in Bremen aufnahm, wirkte Özil auch auf dem Platz wie ein verstörtes Reh. Heute sagt Allofs: „Mesut hat sich enorm entwickelt.“ Özil tritt selbstbewusster auf, neuerdings begrüßt er etwa Reporter mit Handschlag. Er scheint sich wohlzufühlen in seiner momentanen, durchaus komfortablen Position. Özil hat nämlich eine Art Mentor: Diego. Zu dessen Nachfolger soll Özil ausgebaut werden. Und der Brasilianer beteiligt sich an diesem Prozess, wie gegen den FC Bayern am Samstag zu sehen war. Den Freistoß, der zum 2:0 führte, überließ er Özil. Im Laufe des Spiels ließ Diego, seit Jahren der spiritus rector von Bremens Offensive, sich sogar zurückfallen und hielt dem deutschen U-21-Nationalspieler den Rücken frei.

Bremens Kapitän Frank Baumann hielt sich nach dem historischen Sieg nicht lange mit Lobhudeleien auf. Er versucht, keinen Übermut aufkommen zu lassen: „Was für die ganze Mannschaft gilt, gilt auch für Mesut. Er muss die Leistungen jetzt bestätigen.“Sebastian Krass

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