Sport : Rückfahrt oder Rückfall?

Lance Armstrong will im kommenden Jahr wieder bei der Tour des France fahren – und versuchen, alle Zweifel auszuräumen

Sebastian Moll[New York]

Die Comeback-Ankündigung von Lance Armstrong war eher ein Geständnis. Ja, sagte der siebenmalige Tour-de-France- Sieger dem Reporter des Lifestyle-Magazins Vanity Fair, er stehe schon seit Wochen wieder morgens um halb sechs auf und trainiere. Dabei klang der Texaner wie jemand, der wieder einer Sache verfallen ist, die er einfach nicht lassen kann. So muss man wohl Armstrongs Vorhaben bewerten, in der kommenden Saison nach drei Jahren im Ruhestand um seinen achten Tour-Sieg zu radeln – als Rückfall.

Der Chef des größten deutschen Rennstalls Gerolsteiner, Hans Michael Holczer, brachte es auf den Punkt: „Radfahren macht offenbar süchtig“, kommentierte er lapidar die überraschende Ankündigung des erfolgreichsten Radsportlers aller Zeiten. Siegen macht süchtig, muss man bei Armstrong hinzufügen. „Lance muss immer gewinnen – gleich ob er die Tour fährt, mit Freunden einen Radausflug macht oder Karten spielt“, sagt auch sein langjähriger Mentor Johan Bruyneel. Offiziell gibt Armstrong freilich als Motivation an, er wolle dem Feldzug gegen den Krebs, an dem er vor zwölf Jahren beinahe gestorben wäre, weltweit größere Aufmerksamkeit verschaffen. In den drei Jahren seit seinem letzten Tour-Sieg hatte sich Armstrong voll und ganz dieser Kampagne verschrieben. Und sicher verschafft ihm der Rücktritt vom Rücktritt eine Plattform für dieses Anliegen, die er ansonsten nicht mehr so einfach bekommen hätte.

Als oberste Motivation für das Comeback erscheint der noble Kampf gegen den Krebs für Armstrong jedoch kaum stark genug. Plausibler ist da schon der Wunsch, den Makel auszuräumen, der seinen sieben vorangegangenen Siegen anhaftet. „Es gibt in der Öffentlichkeit diese Wahrnehmung, dass die neue Generation von Fahrern die sauberste ist, die es je im Radsport gab“ sagte Armstrong gegenüber Vanity Fair. „Wir stehen hingegen als die schmutzige Generation da.“

Diesen Eindruck möchte er revidieren. Deshalb hat Armstrong in seiner Vorbereitung vollständige Transparenz gelobt. Seine medizinischen Werte werden fortwährend publiziert und er wolle den Medien gegenüber „völlig offen“ sein. Jeder seiner Schritte soll der Welt sichtbar gemacht werden. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Die häufige Verschlossenheit von Armstrong nährten die Spekulationen um ihn. Es gab aber auch genügend andere Anhaltspunkte dafür, dass Armstrongs Überlegenheit in einem ansonsten schwer belasteten Sport nicht nur mit redlichen Mitteln zustande kam. In einer eingefrorenen Urinprobe von Armstrong aus dem Jahr 1999 wurden Spuren des Dopingmittels Epo gefunden – die Probe war nur aus juristischen Gründen nicht gegen ihn verwendbar. Zudem wurden in den vergangenen Jahren reihenweise ehemalige Mannschaftskameraden von Armstrong des Dopings überführt: Angefangen von Olympiasieger Tyler Hamilton über den später geächtet Tour-Sieger von 2006, Floyd Landis, den Spanienrundfahrt-Sieger Roberto Heras bis hin zu dessen erst in diesem Sommer überführten Landsmann Manuel Beltran. Frankie Andreu sagte sogar aus, er habe 1999 auf Druck von Armstrong hin gedopt.

Nachweisen konnte man Armstrong aber nie etwas. Bei der Tour de France wird er übrigens Gesellschaft von einem ehemaligen Kollegen bekommen: Floyd Landis will auch wieder fahren. Dem US-Amerikaner war der Sieg bei der Tour 2006 nach einem positiven Doping-Test auf Testosteron aberkannt worden. Seine Sperre endet am 30. Januar 2009.

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