Sport : Rückfall bis nach Südafrika

Schwaches England spielt 2:2 gegen die Schweiz

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Hart am Limit. Englands Joe Hart verzweifelt nach den Gegentoren. Foto: Reuters
Hart am Limit. Englands Joe Hart verzweifelt nach den Gegentoren. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Die Festung Wembley war nach dem Schlusspfiff endgültig eingenommen, als sich die numerische Überlegenheit zu der akustischen Dominanz gesellte. Neuntausend verzückte Schweizer feierten mit stehenden Ovationen einen feinen, unerwarteten Punktgewinn und eine noch bessere, noch unerwartetere Vorstellung ihres Teams. Englands Helden winkten derweil auf der anderen Spielhälfte müde halbleeren Tribünen entgegen, von denen ein wenig höflicher Applaus und einige Unmutsbekundungen auf sie niederkamen.

Sie hatten einen 0:2-Rückstand aufgeholt, aber doch irgendwie verloren. Die Hausherren hätten in der Schlussphase das Match sogar noch gewinnen können, Darren Bent und Stewart Downing vergaben beste Chancen. Doch ein mulmiges Déjà-vu-Gefühl waberte durch die Arena. „Neue Spieler, veränderte Methoden, die gleiche Sommer-Enttäuschung”, fasste die „Sunday Times“ zusammen und flüchtete sich in einen schwarzen Witz: „Vielleicht sollte England in Zukunft nicht nur Fifa-Präsidentschaftswahlen boykottieren, sondern alle Spiele im Juni.“

Die Hauptschuld an der fatalistischen Stimmung traf dabei nicht einmal der unkonzentrierte Auftritt der Briten. Erst die aus Südafrika bekannten, deckungsgleichen Erklärungsmuster von Fabio Capello führten alle Hoffnungen auf Fortschritt ad absurdum. „Uns fehlte die Energie“, sagte der Italiener, „viele Spieler waren nicht auf der Höhe.“ Niemand konnte am Samstag verstehen, warum Capello anstelle des zuletzt äußerst beherzt aufspielenden Ashley Young von Aston Villa den für eine Schicht auf dem Flügel gänzlich unbrauchbaren James Milner aufstellte.

Hinter Capello in der Mixed Zone hangelte sich Joe Hart eng an der Wand dem Ausgang entgegen, für den Torhüter war soeben ein unbeschwertes Jahr als neue Nummer eins zu Ende gegangen. Zwei spekulative Freistöße von Leverkusens Tranquilo Barnetta hatte der 24-Jährige passieren lassen. Die Kollegen halfen nicht: Beim 0:1 sprang Rio Ferdinand unter dem Ball durch, vor dem zweiten Treffer löste sich die Zwei-Mann-Mauer auf. Harts Flucht aus der Interviewzone verstärkte den Eindruck, dass Englands uralte, überwunden geglaubte Torwartproblematik die Mannschaft in die nächste Saison begleiten könnte. „Solche Bälle gehen nicht einmal im Training rein“, freute sich Barnetta.

Der Schweizer Trainer Ottmar Hitzfeld war, von der Mathematik in der Tabelle der Gruppe G genötigt, gleich doppelt über seinen Schatten gesprungen und hatte ausnahmsweise auf Jugend und Offensive gesetzt; der 18-Jährige Granit Xhaka durfte im offensiven Mittelfeld neben Xerdan Shaqiri sein Debüt geben. Das Resultat war eine regelrechte Leistungsexplosion. Die zurückgetretenen Veteranen Alexander Frei und Marco Streller wurden nicht vermisst, weil die Schweiz den Mangel an Erfahrung in der Spitze mit mehr Mut zum Risiko in der Mitte wettmachte. Man habe „ohne Druck“ nach vorne gespielt, erklärte Eren Derdiyok . „Wir haben uns selbst ein wenig überrascht.“

Die Schweiz hat mit sechs Punkten Rückstand auf England und Montenegro, das nur 1:1 gegen Bulgarien spielte, noch eine kleine Chance. Was die Engländer schmerzt, ist eine Leistungskurve, die so weit nach unten abfiel, dass sich ein Kreis schloss. Hitzfelds Elf hat die Engländer zurück nach Bloemfontein befördert. Ein Blick auf den Spielplan 2011/12 wird die Sorgen vergrößern: Das nächste Turnier findet wieder im Juni statt.

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