Rückkehr ins Stade de France zur EM : Abwehrschlacht gegen die Angst

Zum Spiel gegen Polen kehrt die deutsche Elf ins Stade de France zurück – hat sie das Trauma der Anschläge vom 13. November verarbeitet?

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Das Stade de France in St. Denis am Vorabend des Spiels zwischen Deutschland und Polen.
Das Stade de France in St. Denis am Vorabend des Spiels zwischen Deutschland und Polen.Foto: AFP

André Schürrle hob beim Einsteigen in den Mannschaftsbus den Daumen, Lukas Podolski natürlich auch; Thomas Müller, Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger stellten sich noch schnell zum Gruppenfoto auf und lächelten in die Kamera. Es waren die üblichen nichtssagenden Gute-Laune-Bilder, die die deutschen Nationalspieler und der Deutsche Fußball-Bund am Mittwochmorgen über ihre Soziale-Medien-Kanäle in die Welt entließen. Verunsicherte, vielleicht sogar verängstigte junge Männer waren dabei nicht zu entdecken. Anders als es möglicherweise erwartet worden war.

Am Mittwochnachmittag kehrten die deutschen Fußballer für ihr Abschlusstraining ins Stade de France im Pariser Vorort St. Denis zurück, heute Abend werden sie dort gegen Polen ihr zweites EM-Gruppenspiel bestreiten. An jenem Ort also, an dem am 13. November des vergangenen Jahres mit zwei Detonationen während des Freundschaftsspiels gegen Frankreich die Terrornacht von Paris ihren Anfang nahm. 130 Menschen verloren an verschiedenen Orten der Stadt ihr Leben.

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"Bedroht gefühlt haben wir uns nicht"

Von den 23 Spielern des deutschen EM-Kaders waren 15 auch schon im November beim Freundschaftsspiel gegen die Franzosen dabei. Beide Mannschaften harrten noch Stunden nach dem Schlusspfiff in den Kabinen aus; niemand wusste genau, ob für die Spieler eine ernste Bedrohung bestand. Nachdem die Deutschen entschieden hatten, nicht mehr in ihr Hotel in Paris zurückzukehren, boten ihnen die Franzosen an, sie könnten in deren Quartier in Clairefontaine übernachten. „Das war eine große Geste“, sagt Nationalspieler Emre Can. Am Ende aber entschloss sich der DFB, am Morgen direkt vom Stadion zum Flughafen aufzubrechen und einen Tag früher als geplant in die Heimat zurückzufliegen. „Natürlich ist es nicht schön, so etwas erlebt zu haben“, sagte Mittelfeldspieler Sami Khedira gestern Abend in der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Polen. „Aber wirklich bedroht gefühlt haben wir uns nicht.“

Zufluchtsort. Das DFB-Team übernachtete nach den Anschlägen in der Stadionkabine.
Zufluchtsort. Das DFB-Team übernachtete nach den Anschlägen in der Stadionkabine.Foto: Twitter/@bscontent

Am Mittwoch kehrten die Deutschen zum ersten Mal wieder nach St. Denis zurück, exakt 216 Tage nach den islamistischen Anschlägen. Je näher für die Nationalmannschaft das Gruppenspiel gegen Polen rückte, desto häufiger drehten sich die Fragen um jene Nacht im November. Bundestrainer Joachim Löw bekannte, dass er auf der Fahrt zum Abschlusstraining natürlich den einen oder anderen Gedanken gehabt habe, aber „ich habe nicht das Gefühl, dass es die Mannschaft noch berührt und es noch einmal notwendig ist, mit den Spielern darüber zu sprechen“. Es ist offensichtlich, dass die Spieler die dunklen Erinnerungen und die schweren Gedanken lieber nicht mehr an sich heranlassen wollten. „Ich persönlich habe nicht viele Gespräche gebraucht“, hat Verteidiger Shkodran Mustafi gesagt. „Ich hatte auch kein Bedürfnis, darüber zu sprechen.“

Eine persönliche Angelegenheit

Verdrängung ist eine normale menschliche Reaktion. Die Anschläge seien kein Thema mehr, man sei jetzt in Frankreich, um Fußball zu spielen und Europameister zu werden, haben die Spieler in den vergangenen Tagen immer wieder gesagt. Es war der Versuch, die öffentliche Diskussion möglichst klein zu halten. Soweit die Theorie. Wie es in der Praxis aussieht, ist eine ganz andere Frage. Welche Erinnerungen werden in den Spielern wach werden, wenn sie den Kabinentrakt betreten, in dem sie vor sieben Monaten eine Nacht in Ungewissheit verbracht haben? Welche Gefühle kommen in ihnen hoch, wenn sie tatsächlich wieder auf den Rasen im Stade de France treten? „Die Spieler sind sehr unterschiedlich mit diesen Ereignissen umgegangen“, hat Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, schon im März gesagt. „Das ist eben eine sehr persönliche Angelegenheit, bei der jeder seinen eigenen Weg finden muss.“

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