Sport : Rückkehr mit 217 Stundenkilometern

Jo-Wilfried Tsonga schlägt Roger Federer trotz 0:2-Rückstand in einem Wettkampf der Aufschläge

Petra Philippsen[London]
Vom Jubel getragen. Jo-Wilfried Tsonga besiegte in einem hochklassigen Tennismatch Roger Federer in fünf Sätzen. Der Franzose ist immer für eine Überraschung gut, bei den US Open 2008 hatte er Rafael Nadal besiegt. Foto: AFP
Vom Jubel getragen. Jo-Wilfried Tsonga besiegte in einem hochklassigen Tennismatch Roger Federer in fünf Sätzen. Der Franzose ist...Foto: AFP

Roger Federer hatte seine Schlägertasche bereits geschultert und wollte gehen. Doch er wusste, was sich auf dem traditionsreichsten Center Court der Welt gehört, also wartete er auf seinen Gegner Jo-Wilfried Tsonga. Der Franzose war jedoch noch mittendrin, seine Sachen zusammenzupacken. Und so musste Federer weiter den Jubel der 15 000 Zuschauer ertragen, der nicht ihm, sondern Tsonga galt. Denn dieser hatte ihn mit 3:6, 6:7, 6:4, 6:4 und 6:4 geschlagen, obwohl Federer doch mit 2:0 in den Sätzen vorne lag und er noch bei keinem seiner 178 Grand-Slam- Matches zuvor je so eine Führung aus der Hand gegeben hatte. Doch nun war der sechsmalige Wimbledonsieger wie vor einem Jahr bereits im Viertelfinale gescheitert, und diese Niederlage schmerzte Federer sehr.

Als Tsonga endlich bereit war, verließen sie gemeinsam den Rasen, Federer gesenkten Hauptes. Einmal noch winkte er der Menschenmenge zu, und der Applaus hätte kaum lauter aufbranden können. Die Zuschauer hatten sich über ein spannendes und hochklassiges Match gefreut und beiden Spielern die verdiente Anerkennung gezollt. Doch dass Federer, den sie in England besonders mögen, vorzeitig ausschied, schmerzte auch sie. „Ich hätte nie gedacht, dass ich heute noch verliere“, sagte Federer, „dafür habe ich einfach zu gut gespielt.“ Der 29 Jahre alte Schweizer hatte sich tatsächlich nicht viel vorzuwerfen. Eine Partie über mehr als drei Stunden hinweg auf hohem Niveau zu bestreiten und es dabei nur auf elf leichte und einen einzigen Doppelfehler zu bringen, spricht für seine weiterhin außergewöhnliche Qualität.

„Es ist hart, so auszuscheiden, aber Jo hat heute unglaublich gut gespielt“, fügte Federer hinzu. Der Franzose stand vor kurzem noch in den Top Ten und ist immer ein Kandidat für große Matches, wenn niemand damit rechnet. 2008 hatte Tsonga im Halbfinale der Australian Open Rafael Nadal bezwungen.

Tsonga ist ein Kämpfer, der nie aufgibt. Auch gegen Federer lag er hinten, scheinbar aussichtslos, denn der Weltranglistendritte hatte die volle Kontrolle über das Geschehen. Doch mit dem Mute der Verzweiflung begann Tsonga, alles oder nichts zu spielen, und spielte sich so plötzlich in einen Rausch. Sein Aufschlag war eine Wucht, mit Spitzengeschwindigkeiten von 217 km/h hämmerte er Federer die Bälle ins Feld. In den letzten drei Durchgängen ließ Tsonga nicht eine Breakchance mehr zu. „Es war mehr ein Aufschlagwettkampf heute“, fand Federer. Tsonga hatte schon ein frühes Break zur 1:0-Führung im fünften Satz gereicht, um einen der schönsten Siege seiner Karriere einzufahren. „Das ist verrückt“, sagte Tsonga. „Roger ist der größte Champion, und ich habe ihn hier in Wimbledon geschlagen. Ich bin so glücklich.“

Bei aller Enttäuschung über das vorzeitige Aus und die verpasste Chance, den Rekord von Pete Sampras’ sieben Titeln im All England Club zu egalisieren, fühlte sich Federer dennoch seltsam genügsam: „Ich bin eigentlich sehr zufrieden mit meinem Spiel, ich habe alles probiert.“ Vor einem Jahr, da habe er sich wesentlich schlimmer gefühlt, nachdem er erstmals seit acht Jahren nicht im Finale von Wimbledon gestanden hatte. „Es fühlt sich irgendwie nicht so an, als hätte ich nach einer 2:0-Führung verloren“, sagte Federer, „ich komme dieses Mal sicher leichter darüber hinweg.“ Vor allem, da er sich körperlich wesentlich fitter fühlt und in den letzten Wochen so stark wie lange nicht spielte. Fragen nach einem möglichen Ende seiner Ära begegnete er wesentlich gelassener als noch vor zwölf Monaten. „Es ist ja nicht so, als hätte ich in der zweiten Runde glatt verloren und mies gespielt. Man sollte mich noch nicht abschreiben.“

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