Sport : Rückreise in die Provinz

WM-Teilnahme für 2006 verpasst, Vorbereitungen für die WM 2010 im eigenen Land verschleppt: Südafrikas Fußball ist in der Krise

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Südafrika schien auf dem Weg zurück in die große Welt. Erst etablierte sich das Land durch die Abschaffung der Apartheid 1994 wieder in der politischen Landschaft, bald darauf auch im internationalen Fußball. Nach der Wiederaufnahme in den Weltfußballverband wurde die Mannschaft 1996 auf Anhieb Afrikameister, dann bekam es die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2010 zugesprochen. Doch jetzt sind zumindest Südafrikas Kicker auf dem besten Weg zurück in die Provinz.

Am Samstag wurde die Nationalmannschaft von den Spielern aus Burkina Faso gedemütigt, einem der ärmsten Länder Afrikas. 1:3 verloren die Südafrikaner, und das war nicht nur eine Blamage, sondern auch das Scheitern in der Qualifikation zur Fußball-WM 2006 in Deutschland. Daheim rang die sportbegeisterte Nation fassungslos nach Worten für das sportliche Desaster. „Ideenlos und stümperhaft“, so zürnte die Presse und forderte sogar einen neuen Fußballverband.

Die Enttäuschung ist allzu verständlich, denn tiefer als Südafrika kann eine Mannschaft in zehn Jahren kaum fallen: Nach dem Sieg bei der Afrika-Meisterschaft 1996 kam das Team zwei Jahre später noch einmal ins Finale, dann scheiterte es im Achtelfinale, vergangenes Jahr in der ersten Runde. Bei einer Niederlage im letzten Gruppenspiel gegen Kongo könnten die „Bafana Bafana“ (unsere Jungs) nun sogar die Teilnahme am Afrika-Cup 2006 in Ägypten verpassen.

Unmittelbar vor dem heutigen Spiel gegen Deutschland hat Südafrika den absoluten Tiefpunkt erreicht. „Ich bin zutiefst enttäuscht“, sagte der englische Coach Stuart Baxter. „Wir haben unzählige Anfängerfehler gemacht, die einem Team international einfach nicht passieren dürfen. Aber wir werden bis zum Letzten um die Teilnahme am Afrika-Cup kämpfen.“

Ob Baxter im letzten Gruppenspiel nächsten Monat noch auf der Bank sitzt, darf bezweifelt werden. Erfolgreichere Trainer wie etwa der Franzose Phillipe Troussier oder Carlos Queiroz, der aus Südafrika zu Real Madrid wechselte, wurden für weniger folgenschwere Niederlagen entlassen. Baxter hatte junge Spieler ins Team geholt und den nationalen Fußballverband (Safa) vor kurzem für dessen verfehlte Jugendarbeit attackiert.

Viele Beobachter stimmen darin überein, dass Safa die Hauptschuld am Niedergang des Fußballs am Kap trägt. Seit Jahren befindet sich der Verband in chaotischem Zustand. „Die Fassade will noch nicht kollabieren, aber die Inneneinrichtung ist kaputt, die Farbe blättert ab, und die Tapete fällt von den Wänden“, klagt der Sportjournalist Luke Alfred.

Andere kritisieren das Ausmaß von Vetternwirtschaft, fehlende Organisation und die Vielzahl von Kleinkriegen und Skandalen, die den Verband erschüttern. Kein Wunder, dass 15 Monate nach der Vergabe der Fußball WM 2010 an Südafrika von Fortschritten wenig zu sehen ist. Darüber können auch die beschwichtigenden Worte von Danny Jordan, dem Generalsekretär des südafrikanischen WM-Organisationskomitees, nicht hinwegtäuschen: „Mitte Juli haben Fifa-Inspektoren das Land bereist und mehr vorgefunden, als sie erwartet haben“, sagte er kürzlich. Das haben die Prüfer in der Tat: In Kapstadt wurden den Inspektoren gleich vier neue Standorte für ein neues Stadion präsentiert, wovon in der ursprünglichen Bewerbung keine Rede war.

Jordan selbst streitet das ab und versichert, man sei voll im Zeitplan. Die Fortschritte wolle man nicht in die Öffentlichkeit tragen, „um nicht die WM in Deutschland zu stören“. Verantwortlich für die Misere des südafrikanischen Fußballs sind aber auch die ständigen Interventionsversuche der Politik. Ein Quotensystem, das bereits den Proporz von Schwarz und Weiß in den Führungspositionen der Wirtschaft regelt, soll nun auch im Sport eingeführt werden. Angeblich will die Regierung Vorgaben zur rassischen Zusammensetzung der Nationalteams machen oder zumindest ihre Fördermittel daran knüpfen. Sportminister Makhenkesi Stofile empfindet es jedenfalls als höchst skandalös, dass das französische Rugbyteam kosmopolitischer zusammengesetzt sei als die südafrikanische Mannschaft. Bis zur WM 2010 sollen Südafrikas Nationalteams nun zu einem „vernünftigen Spiegel der demografischen Zusammensetzung des Landes werden“.

Und bis es so weit ist? Etwas weniger ans Gewinnen denken und etwas mehr an die Einheit der Nation, empfehlen Präsident Thabo Mbeki und sein Sportminister nun. Ob ein verordneter Patriotismus den Menschen in den Townships über ihre Enttäuschung hinweghelfen kann?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben