Rückrundenstart : Babbels Philosophie: England statt Brasilien

Kaka soll Herthas Abwehr zum Rückrundenauftakt auf rustikale Weise stärken. Er ist unter den Berliner Innenverteidigern der technisch vielleicht beste. Aber auch der leichtsinnigste.

von
Zwei für eine Elf. Herthas improvisierte Innenverteidigung, bestehend aus Kaka (rechts) und Sebastian Neumann.
Zwei für eine Elf. Herthas improvisierte Innenverteidigung, bestehend aus Kaka (rechts) und Sebastian Neumann.Foto: Ottmar Winter

Berlin - Markus Babbel hat ein paar Jahre in England gespielt. Das war schön für die Karriere und hilfreich für den späteren Job als Fußballlehrer, schließlich ist das dort gepflegte Idiom die Lingua franca des Weltfußballs. Als es in diesen Tagen darum ging, seinen nur bedingt abwehrbereiten Klub fit zu machen für den Rückrundenstart in der Zweiten Bundesliga, da hatte der anglophile Babbel gleich ein passendes Zitat zur Hand. „No risk in the back“, rät der Trainer seinem Innenverteidiger Kaka. Der kommt aus Brasilien, war zuletzt nach Zypern ausgeliehen und spricht ansonsten nur ein bisschen Deutsch. Babbels Anweisung aber dürfte er sofort verstanden haben. Auch und gerade weil sie weniger für ein semantisches Problem steht denn für eine in England gelebte Grundphilosophie des Fußballs.

No risk in the back – das impliziert die Aufforderung, den Ball zur Not auf die Tribüne zu dreschen, weil er dort allemal besser aufgehoben ist als vor den Füßen des Gegners. Es verträgt sich diese Philosophie nur nicht mit der brasilianischen, nach der ein elegant kassiertes Gegentor immer noch höhere Wertschätzung erhält als ein unnötiger Einwurf. Kaka ist unter den Berliner Innenverteidigern der technisch vielleicht beste. Aber auch der leichtsinnigste. Bei einer seiner letzten Nominierungen für die Berliner Startaufstellung brachte er sich gleich doppelt in nachhaltige Erinnerung. Das war im Oktober 2009 beim 1:3 gegen den Hamburger SV, als Kaka erst nach einer Hamburger Flanke nicht schmucklos zur Ecke klären wollte, sondern den Ball mit viel Gefühl ins eigene Tor köpfte. Später lief er somnambul durch einen eigenen Strafraum und schaute zu, wie ein an sich harmloser Fernschuss über den weit aufgerückten Torhüter Sascha Burchert zur Hamburger Führung ins Tor flatterte.

Kaka mag nicht viel reden über diese Zeit, er bleibt lieber für sich oder unter seinen brasilianischen Kollegen Raffael und Ronny (dessen am Dienstag erlittene Knieverletzung übrigens abgeklungen ist, so dass einem Einsatz am Montag bei Rot-Weiß Oberhausen nichts im Wege steht). Die brasilianische Kolonie ist das Refugium eines beinahe Ausgemusterten, der im vergangenen Winter nach Zypern verliehen wurde und dort auch bleiben sollte. Dann wurde er im Sommer aber überraschend zum Auffüllen der täglichen Übungen im Training eingeplant. Daran hätte sich auch nichts geändert, wäre Hertha nicht von einer allgemeinen Innenverteidiger-Epidemie befallen worden. Für das erste Rückrundenspiel am Montag fallen die gesperrten Roman Hubnik und Andre Mijatovic aus, der als Ersatzkandidat eingeplante Mittelfeldspieler Fabian Lustenberger muss mit verhärtetem Oberschenkel passen. Den Nachwuchsmann Alfredo Morales, auch er ein gelernter Mittelfeldspieler, will Babbel nur im Ausnahmefall in der Abwehr aufbieten, „da müsste schon viel passieren“.

Beim Trainingslager in Portugal hat Babbel seinen Notkandidaten Kaka auch mal als rechten Verteidiger getestet, doch dieses Experiment ging ziemlich daneben und wurde nach 45 Minuten abgebrochen. „Er fühlt sich in der Mitte nun mal am wohlsten“, sagt der Trainer. Also bekam Kaka in allen drei Testspielen die meisten Einsatzminuten, denn nichts braucht ein Fußballspieler so sehr wie Praxis, und die hatte Kaka zuletzt nur im Training. „Aber das ist kein Problem“, sagt Babbel, „denn nach der Winterpause fangen ja alle irgendwie wieder bei Null an.“

Mit seinem Kompagnon Sebastian Neumann durfte Kaka sich am vergangenen Samstag eine Halbzeit lang gegen Standard Lüttich und am Dienstag weitere 45Minuten lang gegen den SV Babelsberg einspielen. Beide Male machten die ihren Job so, dass es bestens passte zur Standardphrase des gesperrten Kapitäns Mijatovic, die da lautet: „Es ist noch Luft nach oben.“ Die Innenverteidigung Kaka/Neumann leistete ihren Beitrag dazu, dass sich der lange verletzte Torhüter Maikel Aerts unter Echtbedingungen auf den Ernstfall vorbereiten konnte. Ein letztes Risiko also bleibt, zumal der Dauerregen den Rasen im Oberhausener Stadion Niederrhein in eine sumpfige Wiese verwandelt hat, was nicht gerade brasilianischen Zuständen entspricht. Aber im Zweifelsfall soll Kaka ja auch nicht brasilianisch tänzeln, sondern englisch pflügen. No risk in the back.

Autor

11 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben