Sport : Rückschlag im Aufwind

German Open: Anna-Lena Grönefeld scheidet aus

Stefan Hermanns

Berlin - Anna-Lena Grönefeld hat in Berlin eine unerfreuliche Begegnung mit ihrer Vergangenheit gemacht. Auf der Anlage des LTTC Rot-Weiß ist sie ihrem ehemaligen Trainer Rafael Font de Mora über den Weg gelaufen. Dreieinhalb Jahre war der Spanier ihr Coach, doch seit Ende August hatten sie sich nicht mehr gesehen. Wie der Umgang ist? „Es gibt nicht so viel Umgang“, sagt Grönefeld. Die letzten Dinge regeln jetzt ihre Anwälte.

„Die Begegnung alleine – das ist eine stressige Situation für Anna“, sagt Barbara Rittner, die Chefin des deutschen Fed-Cup-Teams. Font de Mora hat Grönefeld unter die 20 besten Tennisspielerinnen der Welt gebracht, er hat sie zum Erfolg gedrillt, doch am Ende ihren Drang nach Freiheit nicht mehr bändigen können. Wie es mit Font de Mora nicht war, erfährt man, wenn Grönefeld über Dirk Dier, ihren neuen Trainer, redet: „Er bespricht mit mir alles. Wir treffen Entscheidungen zusammen. Ich hab mehr Einfluss.“ Bei de Mora hatte sie keinen.

Doch die neue Freiheit ist noch schwierig und manchmal schmerzhaft. In der Weltrangliste ist Grönefeld auf Platz 46 abgestürzt, sie hat dramatisch zugenommen, angeblich 15 Kilogramm, und zuletzt kaum einmal die erste Runde eines Turniers überstanden. „Das ist wie nach einer langen Beziehung“, sagt Barbara Rittner. „Sie muss lernen damit umzugehen.“ Es gibt Anzeichen, dass Grönefeld das immer besser gelingt. Selbst nach Niederlagen wirkt sie inzwischen entspannter als vor einem Jahr nach Siegen. Gestern in Berlin musste sie wegen des Regens dreieinhalb Stunden auf ihr Erstrundenmatch gegen die Israelin Shahar Peer warten. Sie verlor es in kaum mehr als einer Stunde 1:6, 2:6. Doch solche Rückschläge gehören zu ihrem Prozess der Abnabelung. „Ich bin auf einem guten Weg zurück“, sagt Grönefeld.

Die Tendenz ist zumindest leicht positiv. „Ich finde, sie macht einen guten Eindruck, sie wirkt sehr glücklich und zufrieden“, sagt Barbara Rittner. Die Chefin des Fed-Cup-Teams hat Grönefeld ohnehin immer gegen den Vorwurf verteidigt, sie lasse sich gehen, esse aus Frust und lebe nicht wie eine Leistungssportlerin. In den Monaten der Krise ist Rittner dadurch eine wichtige Bezugsperson für Grönefeld geworden. „Sie ist super wichtig für mich“, sagt die 21-Jährige.

Vor einem Jahr haben beide in Berlin noch einen absurden Streit aufgeführt, bei dem am Ende niemand mehr genau wusste, worum es ging. Vordergründig um die Frage, ob Grönefelds damaliger Trainer beim Fed-Cup zur deutschen Delegation gehören dürfe; eigentlich aber ging es nur ums Prinzip. Grönefeld beklagte sich, dass alles nur über die Presse laufe, ließ dann aber von ihrem Berater ausgewählte Journalisten zum Interview laden, in dem sie über Rittner klagte: „Ich finde nicht, dass ich auf sie hätte zugehen müssen. Das muss von ihr kommen.“

Barbara Rittner sagt heute: „Wir hatten nie ein Problem.“ Sie hat Grönefeld in der schwierigen Zeit beraten, ihr Dirk Dier als Trainer vermittelt, den wichtigsten Beitrag zur Krisenbewältigung aber leistete sie vor knapp einem Monat bei der Fed-Cup-Begegnung gegen Kroation. Eigentlich sollte Grönefeld nur im Doppel spielen, doch dann entschied Rittner „aus dem Bauch heraus“, sie im Einzel einzusetzen. Es war eine riskante Entscheidung, aber es war auch genau die richtige. Grönefeld gewann ihre beiden Matches – und das, was ihr am meisten fehlte: Selbstvertrauen.

Dass Grönefeld in den kommenden Monaten noch viel mentale Widerstandskraft benötigt, hat die gestrige Niederlage gezeigt. „Sie ist noch längst nicht da, wo sie hin will“, sagt Rittner. Vor allem droht Grönefeld in der Weltrangliste ein Absturz auf einen Platz jenseits der 100. Vor einem Jahr sammelte sie viele Punkte, die sie nun wohl verlieren wird. „Man sollte nicht darüber nachdenken, was man verlieren kann“, sagt Anna- Lena Grönefeld. „Man sollte darüber nachdenken, was man gewinnen kann.“

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