Sport : Rückschritt oder Fortschritt?

Sebastian Moll

Eigentlich hätte es für Rachel Robinson ein glücklicher Tag sein sollen. Die ganze Nation ehrte am vergangenen Sonntag ihren vor 35 Jahren verstorbenen Mann. Auf Amerikas Baseballfeldern wurden Lobreden auf Jackie Robinson geschwungen, der vor 60 Jahren den Mut hatte, als erster Schwarzer in der Geschichte für ein amerikanisches Profisport-Team aufzulaufen. Doch die Witwe Robinson konnte sich nicht so richtig freuen. „Jack wäre nicht glücklich darüber, wo wir heute stehen“, sagte die 85 Jahre alte Dame missmutig. Das ganze feierliche Getue kam Rachel Robinson angesichts der Realitäten im Baseball des Jahres 2007 durch und durch verlogen vor. Nur acht Prozent der Spieler in der Profi-Liga MLB sind heute schwarz, so wenige wie seit 20 Jahren nicht mehr. Tendenz abnehmend. „Es scheint so, als wäre alles, wofür Robinson gearbeitet hat, umsonst gewesen“, stimmte Torii Hunter, der schwarze Centerfielder der Minnesota Twins, in die Klage ein. Die Anfeindungen und Morddrohungen durch die Fans, die Ausgrenzung durch die Kollegen, alles was Jackie Robinson für die Gleichberechtigung der Rassen im Baseball erduldet hat, scheint vergebens gewesen zu sein.

Dabei sind im Basketball und im Football schwarze Spieler sowie Trainer und Manager etabliert. Jackie Robinson hat für den Sport insgesamt die Rassenbarriere niedergerissen – nicht aber für seine eigene Sportart. Die Baseball-Liga wimmelt nur so vor Latinos und Japanern. Jugendcamps in der Dominikanischen Republik, in denen Spieler für den US-Markt ausgebildet werden, können sich vor Anmeldungen kaum retten. In den schwarzen Ghettos in Amerika weckt die amerikanischste aller Sportarten jedoch wenig Leidenschaft. „Wenn ich mit den Kids spreche, wissen viele nicht, was Baseball ist“, sagt C.C. Sabathia, der dunkelhäutige Werfer der Cleveland Indians. „Von Jackie Robinson haben sie noch nie etwas gehört.“

Die Kids haben keinen Bock auf Baseball. Eine Theorie sieht dies als die paradoxe Folge des Kampfes, den Robinson ausfechten musste. Die Tatsache, dass er sich gegen derart starke Widerstände einen Platz in einem weißen Sport erkämpfen musste, sagt der Soziologe Gerald Early, signalisiere den Schwarzen, dass Baseball immer ein durch und durch weißer Sport bleiben wird. Dass sich schwarze Kids eher den Basketball zu eigen machen, sieht Early deshalb als Zeichen für ein gefestigtes schwarzes Selbstbewusstsein. Man mag sich nicht mehr anbiedern, wo man letztlich nicht erwünscht ist, und hält dem weißen Mehrheitensport Baseball stolz eine eigene, schwarze Sportsubkultur entgegen. Das mag man für die schwarze Sache als Fortschritt werten. Für Rachel Robinson ist es ein schwacher Trost.

An dieser Stelle erklären die US-Korrespondenten Matthias B. Krause und Phänomene aus dem nordamerikanischen Sport.

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