Rugby : Bei der Rugby-WM wird gesungen, nicht gegrölt

Bei der Rugby-WM herrschen gute Manieren – Co-Gastgeber Wales begeistert auch Prinz William.

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Der Turmbau von Cardiff. Wales ist bei der WM gerade überraschend obenauf, nicht nur hier gegen Fidschi.
Der Turmbau von Cardiff. Wales ist bei der WM gerade überraschend obenauf, nicht nur hier gegen Fidschi.Foto: REUTERS

William ist seinem Bruder Harry zurzeit auch im Rugby voraus. Die britischen Prinzen haben bei der Weltmeisterschaft unterschiedliche Vorlieben: William ist Wales-Fan, Harry unterstützt England. Konträrer geht es nicht. Zumal England und Wales auch noch zusammen mit Australien die „Todesgruppe“ dieser WM bilden, die für Rugby-affine Nationen der sportliche Höhepunkt des Jahres ist. Für eine dieser drei Rugby-Größen wird das Turnier schon vorbei sein, wenn Ende der kommenden Woche die Vorrunde abgeschlossen ist. Denn nur die ersten beiden jeder Gruppe qualifizieren sich für das Viertelfinale.

Wales galt nach dem verletzungsbedingten Verlust mehrerer Leistungsträger in diesem Trio als erster Kandidat auf das frühzeitige Aus. Doch das änderte sich vor acht Tagen, als die Waliser England in der heiligen Londoner Rugby-Arena Twickenham 28:25 besiegten. William, der mit Kate nach der Hochzeit 2011 zunächst auf der Insel Anglesey im Nordwesten von Wales lebte, war obenauf und fuhr auch gleich zum nächsten Spiel nach Cardiff. Dort gelang Wales am Donnerstag gegen Fidschi mit 23:13 der dritte Sieg im dritten Spiel.

England ist Gastgeber dieser Weltmeisterschaft, doch einige Spiele finden auch im eindrucksvollen Millennium-Stadion der walisischen Hauptstadt statt. An Spieltagen ist der Bereich des Stadions für den Verkehr gesperrt und die Innenstadt von Cardiff gleich dazu. Unterschiedliche Zonen für Anhänger der jeweiligen Mannschaften sind weder vor noch im Stadion nötig. Rugby ist zwar eine der härtesten Sportarten, doch die Fans geraten nicht aneinander. Man respektiert die jeweils andere Seite und pöbelt auch dann nicht, wenn der Alkoholkonsum das normale Maß längst überschritten hat. Zwischenfälle sind eine Ausnahme.

Obwohl beim dritten WM-Spiel von Wales etliche tausend Engländer in der mit gut 70 000 Zuschauern ausverkauften Arena lautstark das Team von Fidschi unterstützten – darauf hoffend, dass der Pazifik-Staat dem englischen Team Schützenhilfe leisten könnte –, entstanden keine Feindseligkeiten. Die stimmgewaltige Masse der Waliser Fans kam gar nicht auf die Idee, wie beim Fußball üblich, mit einem Pfeifkonzert zu reagieren. Stattdessen wurde mehrmals während der Partie die Nationalhymne angestimmt. Sie wird auf walisisch gesungen und, darauf legen sie in Wales wert, nicht gegrölt. Am Ende applaudierten auch die Waliser dem unterlegenen Team von Fidschi und erkannten die starke Leistung des Gegners an.

Rugby bietet eine große Party aller Fans jeglicher Altersklassen – vor, während und nach der sportlichen Auseinandersetzung. Auch in anderer Hinsicht könnten sich einige Sportarten beim Rugby etwas abschauen. Der Videobeweis, über dessen Einführung im Fußball seit Langem diskutiert wird, ist längst Standard. Wenn der Schiedsrichter eine Szene nicht genau einschätzen kann, unterbricht er die Partie und malt mit den Händen ein Quadrat in die Luft. Über Funk verständigt er sich mit seinen Kollegen vor den Bildschirmen, zugleich laufen Zeitlupen der Szene auf den Videotafeln im Stadion, so dass auch alle Zuschauer sich ein Urteil bilden können. Der Schiedsrichter kann nach dem Videobeweis auch eine zuvor getroffene Entscheidung revidieren. Und sollte ihm während der 80-minütigen Spielzeit ein schwereres Foul entgangen sein, ist der Videobeweis auch noch nachträglich einsetzbar, um einen Spieler zu sperren. Den Schiedsrichter zu beschimpfen, ist im Rugby ein Tabu. Spieler und Zuschauer behandeln ihn mit Respekt.

Ideal für Zuschauer, die sich im komplizierten Regelwerk des Sports nicht so gut auskennen, ist das Mini-Rugby-Radio, es ist in Cardiff für rund 14 Euro zu erwerben. Zu hören ist auf einer Frequenz, was die Schiedsrichter gerade sagen und wie sie ihre Entscheidungen begründen. Auf einer anderen Frequenz läuft ein Live-Kommentar zum Spiel.

Prinz William braucht das Rugby-Radio natürlich nicht. Er hat früher selbst Rugby gespielt. Sein Wales-Team hat zurzeit das Momentum bei dieser WM. Das kann sich im Rugby zwar schnell ändern, doch es gibt offensichtlich immer mehr Engländer, die jetzt auch für Wales Sympathien hegen. In einem Flughafen-Restaurant in Manchester wird inzwischen ein „Welsh Rugby Burger“ angeboten.

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