Rugby : Wie der Ball gehärtet wurde

In der DDR hatte Rugby vor allem einen Namen: Stahl Hennigsdorf – nun fängt der kleine Verein wieder ganz unten an

Martin Krauss[Hennigsdorf]
Stahl Hennigsdorf
Spitze im halben Staat. Die Rugbyspieler von Stahl Hennigsdorf 1963. -Foto: promo

Die meisten Männer beim Rugbytraining tragen blaue Trikots, auf denen „Hennigsdorf“ steht. Das Blau ist etwa das der DDR-Nationalmannschafttrikots, wenn man sie nur oft genug in der Kochwäsche hatte.

Fred Trzensimiech hat lange schwarze Haare und trägt heute so ein blaues Trikot. „Ich habe mit acht Jahren angefangen Rugby zu spielen“, sagt er. Der 41-Jährige war in den Achtzigerjahren DDR-Nationalspieler, mit der BSG Stahl-Hennigsdorf gewann er 1990 das letzte Double, das im DDR-Rugby zu erreichen war.

Hennigsdorf hat 30 000 Einwohner und liegt nordwestlich von Berlin. Schon zu DDR-Zeiten wurde auf dem Platz nahe des Industriegebiets gespielt. Mittlerweile ist die Anlage modernisiert: gepflegter Rasen, Tartanbahn, neuer Zaun.

Ab heute wird der Platz gebraucht. Während die Rugby-Welt zur WM nach Frankreich schaut, beginnt Stahl Henningsdorf an diesem Sonntag von vorn – mit dem ersten Spiel in der Regionalliga, Staffel B – der niedrigsten deutschen Rugbyliga. „Im vergangenen Jahr hatten wir uns entschieden, kein Team zu melden“, sagt Nico Striegler, der seit sieben Jahren in der ersten Mannschaft spielt. Zu wenig Spieler, zu wenig Geld. Nun hat man sich mit der zweiten Mannschaft der Rugbyunion aus dem Nachbarort Hohen Neudorf zusammengetan. Damit eine Tradition wieder aufleben kann. „27 DDR-Meisterschaften sind doch was“, sagt Striegler, selbst erst 26 Jahre alt.

Nach Hennigsdorf war der Rugbysport 1948 gekommen, in Person von Erwin Thiesies. Anfang der Dreißigerjahre war der Berliner mit der Nationalmannschaft erfolgreich, nach dem Krieg verschlug es Thiesies nach Hennigsdorf. Dort baute er seinen geliebten Rugbysport auf und schloss sich der gerade entstehenden BSG Stahl an. Mit seinen Kontakten organisierte er Spiele gegen Teams aus Berlin und der Rugbyhochburg Hannover. „Sogar nach Frankreich fuhr manchmal eine Delegation“, erinnert sich Wolfgang Götsch, der damals mitspielte. Das Stahlwerk stellte Thiesis als hauptamtlichen Trainer ein, bald wurde er auch DDR-Nationaltrainer. Doch internationale Kontakte in Richtung Westen wurden schwierig. „1964 fuhr die Nationalmannschaft nach Schweden, aber da setzten sich drei Spieler ab“, berichtet Götsch, der 1977 Thiesies’ Nachfolger als Cheftrainer wurde. Fred Trzensimiech erinnert sich: „Die Russen und vor allem die Rumänen haben ja unter Profibedingungen trainiert, da kamen wir nicht ran.“

Der Umbruch 1990 änderte am Rugby in Hennigsdorf zunächst einmal wenig. „Ich habe vorher als Maurer gearbeitet und arbeite immer noch als Maurer“, erzählt Trzensimiech. „Rugby habe ich vorher am Feierabend gespielt und jetzt immer noch.“

Ein paar Spieler gingen in den Westen, andere in den Vorruhestand – wie Wolfgang Götsch. „Da konnte ich mit dem gleichen Zeitaufwand als Cheftrainer arbeiten, nur eben ehrenamtlich“, sagt er. Bis 1998 machte der heute 71-Jährige weiter, dann hörte er aus gesundheitlichen Gründen auf.

Hennigsdorf blieb über viele Jahre hinweg ein kleiner Verein, der nicht verschwand, das Team bildete eine stabile Zweitligamannschaft. Dreimal schaffte der Klub sportlich den Aufstieg in die Bundesliga, verzichtete aber aus finanziellen Gründen. 2000, beim vierten Mal, trauten sie sich dann – und scheiterten. Rugby, in Deutschland sowieso nur Exotensport, rückte auch in Hennigsdorf an den Rand. Für 2006 vermeldet die Vereinschronik: „Auf Grund von unkompensierbaren Spielerabgängen meldet Hennigsdorf zum ersten Mal in der Geschichte keine Mannschaft für den Ligabetrieb.“

Nun fängt die Mannschaft wieder unten an. „Mein Vater hat Rugby gespielt, mein Onkel hat Rugby gespielt, es ist doch klar, dass ich auch weiterspiele“, sagt Fred Trzensimiech. In die Nationalmannschaft wie zu DDR-Zeiten wird er es aber sicher nicht mehr schaffen.

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