Rugby-WM : Sieg der guten Hoffnung

Der Gewinn der Rugby-WM wird in Südafrika auch als Erfolg gegen den Rassismus gefeiert.

Helmut Schneider[Johannesburg]
071021rugby Foto: AFP
Mit vollem Körpereinsatz zum Titel -Foto: AFP

Als in Paris in der Nacht zum Sonntag der Abpfiff einer erwartungsgemäß verlaufenen Rugby-Partie erfolgte, war das der Start zu einer landesweiten Party in Südafrika. In den Kneipen und Wohnhäusern hatten Millionen Menschen das Endspiel der Weltmeisterschaft verfolgt, nach dem 15:6-Erfolg der Südafrikaner gegen Titelverteidiger England brach kollektiver Jubel aus. In den Großstädten rannten die Menschen auf die Straße. Die Autos gaben in Johannesburg und Kapstadt ein Hupkonzert, das bis in die frühen Morgenstunden andauerte.

Im Johannesburger Stadtteil Melville mit seinen vielen Restaurants und Bars verlagerte sich die Party auf die Straße. Im Entertainment-Zentrum Monte Casino, wo mehr als 3000 Fans vor einer Großleinwand auf der in „Boktown“ umbenannten Piazza das Spiel verfolgt hatten, war die Stimmung schon vor Spielbeginn gut, als unerwartet Nelson Mandela auf dem Balkon erschien – im grün-goldenen Jersey der Mannschaft und mit der südafrikanischen Flagge in der Hand. „Ich bin sicher, dass wir gewinnen werden“, verkündete er unter dem Jubel der Fans.

Schon 1995 war Mandela vor dem WM-Endspiel, das die Südafrikaner gegen Neuseeland gewannen, in die Kabine der Mannschaft gekommen und hatte ihr Glück gewünscht. Diesmal schickte der ehemalige Präsident per Kurier eine DVD mit seiner Botschaft an die Mannschaft nach Paris. Südafrikas Fernsehen strahlte sie aus – und die Nachrichtensprecherin trat genauso im Spielerjersey auf wie viele Parlamentsabgeordnete bei der Sitzung am Tag zuvor. Das gesamte Wochenende über hielten die Menschen die Nationalflagge aus ihren Autos. Südafrika zeigte sich eins mit seiner Rugby-Mannschaft. Und somit wird auch der Sieg in Paris als der Sieg des ganzen Landes angesehen, unabhängig der Hautfarbe.

Wenn auch die Mannschaft weitgehend aus hellhäutigen Spielern bestand, für die Rugby der Nationalsport Nummer eins ist, so bangte auch die Mehrheit der schwarzen Südafrikaner um den Sieg. Die Sonntagszeitungen, die sonst schon am späten Samstagabend verkauft werden, kamen etwas später als sonst auf den Markt. Dafür aber mit großen Sieges-Überschriften. Der „Sunday Independent“ titelte, da das Match in Paris stattfand, sogar auf Französisch: „C’est magnifique“ – Großartig. Die Mannschaft habe ganz Südafrika stolz gemacht, meinte die afrikaanssprachige Zeitung „Rapport“. Und die „Sunday Times“ titelte „Glory Boys“ über dem Foto von Mannschaftskapitän John Smit und Staatspräsident Thabo Mbeki, der zum Endspiel nach Frankreich gereist war. Mbeki wurde nach dem Titelgewinn auf den Schultern der Spieler über den Platz im Pariser Stade de France getragen und hob den WM-Pokal in die Höhe.

„Wir haben die Hoffnungen der Nation auf unseren Schultern getragen“, sagte Smit. „Und jetzt haben wir ein Team, das die Trophäe nach Hause bringt.“ Der Kapitän der „Springboks“, so wird das Team in Südafrika genannt, äußerte einen Wunsch: „Ich hoffe, dass wir jetzt beginnen, nicht mehr Zahlen und Farben zu zählen.“ Damit meint er den starken Druck auf die Rugby-Mannschaft, mehr schwarze Spieler zu haben. Das Nationalteam wird seit langem bezichtigt, „zu weiß“ zu sein und sich dem notwendigen Wandel in Südafrika zu widersetzen. Der Sieg von Paris kann nun zu einer Entspannung der Situation führen. Denn wichtig ist vielen Menschen im Lande nicht, welche Hautfarbe die Spieler haben, sondern ob sie erfolgreich für Südafrika sind.

Ob dies auch die Haltung der Regierung und der Sportoffiziellen ist, wird sich darin zeigen, ob Jake White Trainer bleibt. Vor dem Turnier wurde ihm vor allem in den Medien zu verstehen gegeben, dass seine Zeit zu Ende gehe, weil er zu wenig Schwarze in die Mannschaft genommen habe. Bleibt er nun nach dem Sieg weiter Trainer, wäre dies vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass Südafrika bei der Beseitigung des Rassismus wirklich vorankommt.

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