Sport : Ruhe im Klassenzimmer

Nach dem Besinnungstrip in die Berge haben die Bayern ihren Teamgeist wieder entdeckt

Daniel Pontzen

München. Als der studierte Gymnasiallehrer Ottmar Hitzfeld am Montagmorgen bei der Arbeit erschien, herrschten Recht und Ordnung. „Guten Morgen“, sprach er mit strengem Blick zu der versammelten Fangemeinde hinter der Absperrung, und artig hallte es „Guten Morgen“ zurück. Niemand hätte sich gewundert, wenn Hitzfeld im nächsten Satz „Hefte raus, Klassenarbeit“, gefordert hätte, aber so weit kam es nicht. Der Fußballlehrer hat derzeit andere Sorgen, umso mehr wird ihn die wichtigste Erkenntnis des 4:1-Sieges über Dortmund gefreut haben: Die Bayern haben ihr Selbstbewusstsein wieder gefunden.

Die kurzfristig anberaumte Mannschaftsfahrt nach Rottach-Egern hat die Kameradschaft aufgefrischt. „Der Geist vom Tegernsee“, jauchzte der Boulevard, nachdem Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge eine Analogie zum Wunder von Bern geliefert hatte: „Der Geist von Spiez“, der die Deutschen 1954 zum WM-Titel geführt haben soll, sei auch aus dem See gekommen, „jetzt war es halt der Tegernsee“.

Wichtig sei gewesen, „dass die Spieler drei Tage zusammen waren, denn wenn man zusammen ist, ergeben sich auch ganz andere Gespräche“, berichtete Hitzfeld über die intime Vorbereitungsphase. Allzu exotisch waren die Diskussionsinhalte freilich nicht; es ging um Fußball und die Frage, wie sich eine Mannschaft ihre ureigenste Qualität, das Selbstbewusstsein, zurückerarbeiten kann. Offensichtlich haben sie die richtigen Argumente ausgetauscht, denn bei dem durch Tore von Michael Ballack, Willy Sagnol, Hasan Salihamidzic und Claudio Pizarro herausgeschossenen Sieg agierten die Münchner so überlegen, als hätten sie sich am Fuße der Alpen dauernd Sätze gesagt wie den, der Ballack nach dem Schlusspfiff glückte: „Jeder Spieler von uns muss verinnerlichen, wie gut er ist.“

Wahrscheinlich bezog er auch Willy Sagnol in seinen Appell mit ein, der ihm vergangene Woche über eine französische Zeitung mitgeteilt hatte, Stefan Effenberg sei im Vergleich der bessere Führungsspieler gewesen. „Das war keine Kritik“, korrigierte sich Sagnol nun, Ballack werde noch in diese Rolle hineinwachsen. Gegen Dortmund hatte er großen Anteil, war selbst mit mehr Freiheiten ausgestattet und nutzte diese an der Seite von Sebastian Deisler konsequent. Die effiziente Zusammenarbeit endete jedoch nach 63 Minuten, Hitzfeld nahm Deisler mit Hinweis auf muskuläre Probleme vom Feld. Teamchef Rudi Völler trägt die Vorsichtsmaßnahme generös mit: Er stellte Deisler für das Länderspiel gegen Frankreich am Samstag frei.

Ernstere Sorgen bereitet Hitzfeld ein anderer Mannschaftsteil: Die Abwehr offenbarte auch gegen Dortmund Schwächen. Die Defensive „muss rustikaler spielen, war in den Zweikämpfen zu nachlässig“. Aktivitäten auf dem Transfermarkt schließt Hitzfeld nicht aus, man sondiere den Markt, konkrete Verhandlungen gebe es aber bisher nicht.

Zu großer Erleichterung bestehe kein Anlass. „Es war ein Spiel von mehreren, jetzt müssen wir weitersehen“, sagte Rummenigge mit Blick auf das Champions-League-Spiel in Glasgow in zwei Wochen. Jens Jeremies pflichtete bei, das Duell mit dem Tabellenfünften dürfe man nicht überbewerten. „Das war kein Maßstab heute, Borussia Dortmund.“ Borussia Dortmund klang wie Wattenscheid 09, als er das sagte.

Die nächste Bewährungsprobe, das Derby gegen 1860, lässt wegen der Länderspielpause zwei Wochen auf sich warten. „Mir wäre lieber gewesen, wir könnten durchspielen und den Schwung mitnehmen“, sagte Hitzfeld. Nun hofft er, „dass alle Nationalspieler von ihren Einsätzen gesund zurückkommen“.

Eine erneute Kasernierung ist also nicht möglich, kommt für Hitzfeld aber ohnehin nicht in Frage. „Es macht keinen Sinn, das immer zu machen, sonst gibt es irgendwann einen Lagerkoller“, sagt Hitzfeld. Davor graust dem Pädagogen. Noch scheint die Erinnerung an anstrengende Klassenfahrten frisch zu sein.

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