Sport : Ruhe im Sturm

Die Schwäche im Angriff begleitet Hertha BSC schon durch die gesamte Saison

Stefan Hermanns

Berlin - Artur Wichniarek hat es zurzeit wirklich nicht leicht, ans Ziel zu gelangen. Der Stürmer hat in dieser Saison noch kein einziges Tor für seinen Arbeitgeber Hertha BSC geschossen, und gestern Mittag musste der Pole sogar mit dem Pförtner des Olympiageländes diskutieren, ob er mit seinem Wagen die Schranke passieren dürfe. In diesem Fall immerhin hat sich Wichniarek am Ende durchgesetzt.

Für einen Stürmer des Berliner Fußball-Bundesligisten ist das ein seltenes Erfolgserlebnis. Die Abschlussschwäche des Sturms hat inzwischen dramatische Ausmaße angenommen: Wichniarek ist noch ganz ohne Treffer, Fredi Bobic hat ein Tor erzielt, Nando Rafael zwei. „Wir haben zu viele Punkte vergeben“, sagte Manager Dieter Hoeneß nach dem 1:1 gegen Hansa Rostock. Und das liegt vor allem daran, dass die Mannschaft zu wenige Tore schießt.

Im Heimspiel gegen den Tabellenletzten aus Rostock hätten die Berliner schon zur Pause komfortabel führen können, am Ende aber spielten sie bis zur letzten Sekunde gegen ein 0:1 an. „Wir betreiben einen Wahnsinnsaufwand und machen die Tore nicht“, sagte Trainer Falko Götz. Vor allem in der ersten Hälfte erarbeitete sich Hertha eine Reihe exzellenter Möglichkeiten. „Das ist die Qualität der Mannschaft und gleichzeitig ihre Schwäche“, sagte Hoeneß, „man muss sie halt machen.“ Gegen Hansa hatte Götz zwei Stürmer aufgeboten, drei offensive Mittelfeldspieler und mit Gilberto einen Außenverteidiger, dessen Stärke das Spiel nach vorne ist. „Wir haben Rostock so unter Druck gesetzt, wie man es als Heimmannschaft machen muss“, sagte Götz.

Fredi Bobic versteht die Kritik an den Stürmern nur bedingt. „Wenn ich hunderte Chancen gehabt hätte, wär’s okay“, sagt er. Er persönlich habe sich gegen Hansa sehr gut gefühlt, 68 Prozent der Zweikämpfe gewonnen. „Die Quote ist sensationell für einen Stürmer“, sagt Bobic. „Ich weiß, dass ich auf einem sehr guten Weg bin.“ Nur hat der Weg noch nicht zum eigentlichen Ziel geführt.

Die Schwäche im Angriff begleitet Hertha durch die gesamte Saison, genauso wie die Spekulationen, ob der Klub noch einen Angreifer verpflichtet. Eine Entscheidung will Dieter Hoeneß erst in der Winterpause treffen. Trotzdem wird Herthas Manager schon jetzt jede Woche mit neuen Kandidaten konfrontiert. Nach Angelos Charisteas ist nun Vahid Hashemian von Bayern München ins Spiel gebracht worden. „Jeden Tag wird ein neuer Name kreiert“, sagte Hoeneß, der sich wünscht, dass die Empfehlungen der Boulevardpresse zumindest „ein bisschen Sinn und Verstand haben“. Hashemian scheidet schon deshalb aus, weil Hertha in der nächsten Saison bereits vier Nicht-Europäer (Marcelinho, Gilberto, Rafael und den Nigerianer Solomon Okoronkwo) unter Vertrag hat. Der Iraner könnte also nur in der Rückrunde bei Hertha bleiben.

Immerhin gibt es mit der Rückkehr von Giuseppe Reina einen Anlass zur Hoffnung. Der Außenstürmer hat schon in der vorigen Saison Herthas Angriffsspiel belebt. Gegen Rostock kam Reina zum ersten Mal seit seinem Kreuzbandriss vor sieben Monaten wieder zum Einsatz. Nach einer Stunde wurde er eingewechselt, „und er hat direkt zwei, drei gute Aktionen gehabt“, sagte Götz. „Wichtig ist, dass er wieder Fühlung aufnimmt.“

Schnelle Hilfe ist also auch von Reina nicht zu erwarten, und deshalb verstärkt sich inzwischen der Eindruck einer gewissen Ratlosigkeit. „Sagen Sie mir, was ich machen soll“, sagte Götz. „Etwas mehr Leichtigkeit, etwas mehr Gelassenheit“ wünscht Herthas Trainer seinen Stürmern vor dem Tor. Manches lässt sich ohnehin nicht rational erklären, wie das Rostocker Führungstor gezeigt hat: „Die schießen sich gegenseitig über den Haufen“, sagte Götz, „und dann ist das Ding drin.“ So einfach geht das manchmal.

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