Sport : Ruhe im Sturm

Bei Hannover 96 gibt es Theater hinter den Kulissen

Claus Vetter

Wer hat das Sagen im Verein? Martin Kind. Im August 2005 war der Vereinsboss grollend zurückgetreten. Seit Anfang Juli ist der Hörgeräteunternehmer wieder der Chef im Verein. Nach dem Rückzug von AWD-Gründer und Geldgeber Carsten Maschmeyer, der seine Gesellschaftsanteile zurückgab, übernahm Kind das Paket im Wert von mehr als fünf Millionen Euro. Kind sah angesichts der holprigen zurückliegenden Saison sein Lebenswerk in Gefahr. Immerhin hat er den Klub einst von der Regionalliga bis in die Bundesliga geführt. Kinds Rückkehr ist die Rückkehr zur Monarchie im Klub: Der Vereinsvorsitzende Götz von Fromberg und Geschäftsführer Karl-Heinz Vehling sind gegangen. Letzterer sagte, dass „eine vertrauensvolle Zusammenarbeit“ mit Kind „nicht zu erwarten ist“.

Was hat sich verbessert? Die Frage ist, was sich nicht verschlechtert hat. Noch ist Theater hinter den Kulissen: Manager Ilja Kaenzig könnte noch verschwinden, ein anderer Schweizer, Rene C. Jäggi, zuletzt beim 1. FC Kaiserslautern, wird bereits als Nachfolger von Vehling gehandelt. Sportlich setzt der Klub auf Arnold Jan Bruggink, der Spielmacher werden soll. Der 29-jährige Niederländer erzielte in 303 Spielen in der Ehrendivision 100 Tore. Die anderen Zugänge dürften niemanden in der Liga erschrecken.

Wie sicher ist der Job des Trainers? Peter Neururer wird das Saisonende kaum in Hannover erleben. Zwei Dinge sprechen dafür: 1. In Hannover gehen Trainer schnell. 2. Wo immer der Schnauzbartträger auftauchte hatte er schnell Erfolg und verbrauchte sich mit seiner flapsigen Ansprache – welcher Trainer feuert seine Spieler sonst als „Vollfriseure“ an? – meist schnell. In Hannover ging es mit ihm nach der Demission von Ewald Lienen aufwärts, das Team schoss von Platz 13 auf Rang 5. Doch dann lief es nicht mehr und Neururer wurde unruhig: Er kritisierte seine Reservespieler, sie würden nicht genug Druck ausüben, bezeichnte Nachwuchspieler gar als „Touristen auf der Ersatzbank“. Seine Bilanz in Hannover war dann letztlich auch mager: In 22 Spielen holte der Klub 26 Punkte unter ihm.

Welche Taktik ist zu erwarten?

Das Hauptproblem war in der vergangenen Saison der Sturm. Brdaric und Hashemian hatten Probleme mit ihrer Form und von der Ersatzbank kam durch Stendel und Delura kaum Druck. Im Mittelfeld fehlte zudem ein Spielgestalter, die Angreifer hingen meist in der Luft. Das zu ändern, ist nun alleine die Aufgabe von Arnold Jan Bruggink, den Neururer in den höchsten Tönen lobt. Der Trainer selbst gilt als akribischer Analytiker, der nichts dem Zufall überlässt und völlig für den Fußball lebt. Er verbringt viel Zeit mit Videoanalysen, führt eine eigene Spielerdatenbank und hat versprochen, dass unter ihm in Hannover offensiv gespielt würde. Das stimmte bislang aber nicht so ganz: 26 Tore in 22 Spielen unter Neururer sind keine gute Marke.

Welche Platzierung ist möglich? Die Saisonziele sollten vorsichtig formuliert werden: Vor den neuen Namen Szabolcs Huszti, Heidar Thorvaldsson, Timo Nagy und Christoffer Andersson zittert die Konkurrenz nicht. Zudem ist nur Andersson Verteidiger. Sollte Per Mertesacker doch schon in dieser Saison zu Werder Bremen wechseln, entstünde eine Riesenlücke in der Abwehr. Vom Uefa-Cup redet selbst Neururer nicht mehr. Er weiß, dass zu hohe Ziele die Unruhe im Verein nur anstacheln würden.

Wer sind die Stars? Per Mertesacker ist der Star, wenn er nicht geht. Sonst bleibt nur Torwart Robert Enke als Sternchen.

Wie sind die Fans? Sie sind Niedersachsen. Ihre Begeisterungsfähigkeit hält sich daher in engeren Grenzen. Aber so ein Gekreische wie das der Südkoreaner beim WM-Spiel in Hannover muss ja auch nicht immer sein.

Wer ist der WM-Held? Per Mertesacker. Aber darüber können sich vielleicht bald die Bremer freuen.

Morgen: FSV Mainz 05

Die gesamte Serie im Internet:

www.tagesspiegel.de/bundesliga

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