Sport : Rumänien: Trainer Jenei wittert vor dem Spiel gegen Italien eine Verschwörung

Sebastian Arlt

Verfolgungswahn ist eine ernst zu nehmende Krankheit. Doch dafür sieht Emerich Jenei ziemlich gesund aus. Ein bisschen übergewichtig vielleicht, aber mit gesunder Gesichtsfarbe. Doch wenn der Trainer der rumänischen Nationalmannschaft loslegt, muss man sich schon um seinen Gesundheitszustand sorgen. "Hoffentlich ist der Schiedsrichter korrekt", sagt er mit knarrender Stimme und rückt seine Brille mit den viel zu großen Gläsern zurecht. Komischerweise hätten die Unparteiischen schon viele Fehler "zu Gunsten der großen Teams" gemacht. Und ähnliches befürchtet der 63-Jährige jetzt auch im Viertelfinalspiel seiner Mannschaft heute in Brüssel gegen Italien. "Ich hoffe, Italien wird nicht bevorzugt, aber ich halte alles für möglich."

Damit setzt er im Gespräch mit einigen Journalisten am Trainingsplatz in Wolvertem nahe Brüssel die Verschwörungstheorien fort, mit denen er, aber auch einige rumänische Spieler seit Beginn des Turniers hausieren gehen. "Von den Mächtigen Europas ist die Sache sowieso schon entschieden", behauptete Jenei nach dem 0:1 seiner Mannschaft gegen Portugal. Trotz des 3:2 gegen England sprach er davon, dass der Titelkampf "nicht allein auf dem Platz" entschieden werde. Mittelfeldstar Gheorghe Hagi, gegen die Italiener nach einer Gelb-Sperre wieder dabei, legte nach: "Das alles ist eine Verschwörung gegen die kleinen Nationen." Jeneis Stimme wird lauter und schneidender, die rumänischen Journalisten nicken zustimmend. Auf einmal will Sorin Satmari, der rumänische Pressechef, doch lieber nicht mehr ins Englische übersetzen. Jeneis Ausführungen? "Not necessary." Soll heißen: "Für Sie ist das nicht so wichtig." Informationspolitik der rumänischen Art.

Irgendwie hat Jenei aber sein Ziel erreicht. Die Spieler haben ihre Ruhe, kaum jemand will noch etwas von denjenigen wissen, die durch das Erreichen des Viertelfinales ihr gebeuteltes Heimatland in Jubelstimmung versetzt hat. "Der Orgasmus im Spiel gegen England hat zur Geburt einer neuen rumänischen Nationalmannschaft geführt", schrieb die Bukarester Zeitung "Azi". Jetzt ist Rumänien drin, im Viertelfinale. Der Erfolg gegen England sorgte auch bei den Buchmachern in London für Reaktionen. 40:1 lautete die Quote für den EM-Tipp Rumänien vorher, nun hat sie sich bei 12:1 eingependelt. Der Focus ist auf Emerich Jenei und seine abstrusen Vorwürfe gerichtet. Ablenken auf Nebenkriegsschauplätze, damit die eigenen Probleme so gut wie im Verborgenen bleiben.

Da sind die Personalsorgen. Cosmin Contra, Dan Petrescu und Adrian Ilie sind gesperrt. Abwehrchef Gheorghe Popescu, wie Hagi bei Galatasaray Istanbul unter Vertrag, fällt wegen eines Muskelrisses im Oberschenkel aus. Doch er ist wieder da: Gheorghe Hagi, die alternde Lichtgestalt des rumänischen Fußballs. "Dass ich noch einmal spielen kann, ist das schönste Geschenk für mich", sagt der 35-Jährige und lässt keinen Zweifel daran, dass er dabei sein wird. Weil er sich einfach aufstellt. Hagis Wort ist Gesetz. Er protegierte Jenei, der ihm nun zu unendlicher Dankbarkeit verpflichtet ist.

Hagi hatte gegen England seine Gelb-Sperre abgebrummt. Und auf einmal spielten die Rumänen ganz anders. Der Ball lief schnell, alle Spieler übernahmen Verantwortung. Und nun kommt der Meister zurück, der zwar immer noch schier unglaubliche Pässe schlagen kann, der bei Freistößen und Eckbällen eine Gefahr für jeden Gegner darstellt, der aber auch ein Hemmschuh für seine eigene Mannschaft ist. Schnelles Spiel ist mit ihm nicht zu machen. Die Hierarchie ist festgeklopft: Die Angriffe haben vor allem über den Star zu laufen, der erst einmal wartet und guckt, seine Defensivaufgaben haben indes andere mit zu verrichten. Zurück zum Orgasmus und besagter Geburt einer neuen Mannschaft. Mit Hagi bleibt bei Rumänien alles beim Alten.

Symbolisch war das Bild etwa 20 Minuten vor Schluss der Partie zwischen Rumänien und Deutschland. Während sich der Ball und der Großteil der Spieler auf der rechten Seite befanden, schlurften links in der Nähe der Mittellinie Lothar Matthäus (39) und Hagi (35) nebeneinander her. Im Klub der alten müden Männer warteten sie gemeinsam auf ihre Auswechslung. Kurz danach wurden sie erlöst. Matthäus, das wissen wir inzwischen, war seiner Mannschaft keine Hilfe mehr.

Und Hagi?

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