Sport : "Rund um den Henninger-Turm": Mit dem Bruder gleichgezogen

Hartmut Scherzer

Eine bittere "Heimniederlage" zum 40- jährigen Jubiläum des deutschen Radklassikers "Rund um den Henninger Turm" erlitt das in Frankfurt Sieg gewohnte Team Telekom. "Die beiden Stärksten waren vorn", anerkannte Udo Bölts, als Siebenter noch der Beste im Magenta-Trikot, den Sieg des Schweizer Meisters Marcus Zberg an. Nach fünf Jahren machte es der 26-Jährige aus Altdorf seinem älteren Bruder Beat nach, der 1996 am Fuße des Bierturms das bedeutendste deutsche Radrennen gewonnen hatte. Im Zweiersprint auf der ansteigenden Zielgeraden am Hainerweg ließ der WM-Zweite von 1999 dem Italiener Davide Rebellin keine Chance und warf schon fünfzig Meter vor der Ziellinie jubelnd die Arme in die Höhe. Der kleine Italiener dürfte an der Spurtkraft der Schweizer verzweifeln. Schon beim Ardennen-Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich vor zehn Tagen war ein Schweizer, Oscar Camendzind, im Spurt der Schnellere gewesen. Das Team Telekom, das in den beiden letzten Jahren mit Kai Hundertmarck und Erik Zabel die Sieger am Henninger Turm gestellt hatte, war nicht in der Lage, das Rennen zu kontrollieren. Da passte es ins Bild, dass die beiden Stars Erik Zabel und Jan Ullrich im Haupthaufen der Nachzügler zum Finale nicht einmal auf den Rundkurs gelassen wurden, um kein Durcheinander zu verursachen. Wie vor einer Bahnschranke musste das Hauptfeld anhalten, warten, zuschauen und durfte erst auf die Strecke, als die Spitze und deren Verfolger sie letztmals passiert hatten. Jan Ullrich fand es offenbar lustig und winkte fröhlich ins Publikum. Nach dem Chaos auf dem Kurs - die einen wollten noch rauf - die anderen kamen ihnen bereits auf der Rückfahrt vom Ziel zu den Bussen entgegen - musste die Jury entscheiden, ob das Hauptfeld überhaupt in die Wertung kommen konnte. Doch die Jury beschloss, ihnen die beiden letzten Runden zu erlassen: Mit 17:33 Minuten Rückstand wurden Ullrich auf Rang 59. und Zabel auf Platz 53 geführt. Der Schweizer Zberg aus dem holländischen Rabobank-Team, der die schwere Strecke über 206 Kilometer in 5:05:35 Stunden beendete, hatte zusammen mit Rebellin an der steilsten Stelle attackiert. "Da musste einer von uns mit", sagte Telekom-Teamsprecher Olaf Ludwig, selbst 1994 Sieger am Henninger Turm. Aber Bölts war "in diesem Moment sauer", wie der Pfälzer eingestand. An der 12-Prozent- Rampe Mammolsheiner Berg setzte sich das Duo ungehindert ab und ward auf den letzten 65 Kilometern nicht mehr gesehen. "Unsere Ziel war es, Telekom zu isolieren", erläuterte der Sieger die Strategie seines Teams. "Das ist uns gelungen, als wir im schwersten Moment des Rennens attackierten und schnell einen Vorsprung von zwei Minuten hatten." Beim Finale, berichtete Zberg, sei er ständig über Funk informiert gewesen, habe die "Situation jeder Zeit im Griff" gehabt , auch, als der Belgier van de Wouwer bedrohlich, bis auf fünf Sekunden, noch heranpreschte. Als der schnellere Sprinter, sagte Zberg, sei er sich auf der letzten der drei Runden seines Sieges sicher gewesen. "Die Strecke war wie auf mich zugeschnitten", lobte Zberg das bergige Profil im Taunus. Auch für Rebellin. Beide hatten bereits beim Ardennen- Klassiker Lüttich-Bastogne- Lüttich (Zberg 9., Rebellin 2.) und am vergangenen Samstag beim Amstel Gold Race (Zberg 4., Rebellin 8.) ihre Strärke demonstriert. "Schon in Maastricht hatte ich mir einen Sieg ausgerechnt, doch da ist mir mein Team-Kollege Erik Dekker zuvorgekommen." "Nur nicht hinterfahren", hatte Udo Bölts vor dem Rennen gewarnt. Doch genau diese Situation war eingetreten. Die Verfolgungsjagd des Pfälzers zusammen mit Winokurow, Hundertmarck und Klöden brachte sie wenigstens ins Fernsehen, aber nicht näher an die beiden Ausreißer heran. Andreas Klöden wurde Zwölfter, wie Bölts mit 24 Sekunden Rückstand im Pulk der Verfolger. Über eine Million Menschen säumten bei sommerlichen Temperaturen die Strecke. Die Bergwertung hatte einen sentimenalen Sieger, den Belgier Tom Desmet, dessen Vater 1962 das erste "Rund um den Henninger-Turm" gewonnen hatte.

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