Sport : Runden für die Zukunft

Das Berliner Sechstagerennen bringt eigene Stars hervor – der Gesamtsieg geht an Risi und Marvulli

Hartmut Moheit

Berlin - Etwas aufgeregt läuft Jens Voigt durch das Velodrom. Kurz zuvor ist der Profi vom dänischen CSC-Team – gemeinsam mit der frisch gekürten Cross-Weltmeisterin Hanka Kupfernagel – als Radsportler des Jahres geehrt worden. Aber das ist nicht der alleinige Grund. „Ich treffe hier so viele Bekannte, und alle sind happy“, sagt der in Berlin wohnende Mecklenburger zum gestern mit den Schweizer Gesamtsiegern Bruno Risi und Franco Marvulli beendeten Sechstagerennen. „Die tolle Stimmung hier steckt an. Irgendwann muss ich auch mal mitfahren.“ Noch gehen für den 36-Jährigen zwar die Straßenrennen vor, aber diese Ankündigung war für Sixdays-Chef Heinz Seesing interessant. „Es zeigt, dass wir uns in Zukunft keine Sorgen um Stars im Fahrerfeld machen müssen“, sagt er. Voigt will das nicht allein auf seine Person bezogen wissen, deshalb ergänzt er den weißhaarigen Boss: „Sie müssen doch den Stars nicht hinterherrennen, das Berliner Sechstagerennen bringt seine Stars selbst hervor.“

So werden die Lücken gefüllt, die immer wieder mal entstehen. Am späten Montag wurden mit Andreas Beikirch, Andreas Kappes, Guido Fulst und dem Steher Carsten Podlesch jahrelang bejubelte Fahrer aus dem Sechstagegeschäft verabschiedet, aber Heinz Seesing ist dennoch nicht bange um die so wichtigen nächsten Jahre. 2009 gibt es das Jubiläum „100 Jahre Sechstagerennen in Berlin“, und 2011 wird das 100. Sechstagerennen in der Stadt angeschossen. „Die Ränge sind voll, die Stimmung ist großartig, die sportlichen Leistungen hochkarätig – da wird sich nicht sehr viel ändern müssen“, sagt Seesing. Damit entwickelt sich das Berliner Sechstagerennen gegen den Trend. Während andere Veranstalter über Einbußen klagen, läuft es im Velodrom weiter sehr gut. Dass Sechstagerennen nunmehr verstärkt mit Weltcuprennen der Bahnfahrer kollidieren, weil sich der Internationale Radsportverband terminlich neu orientiert hat, ist für Seesing ein lösbares Problem: „Man muss miteinander reden.“ Das Berliner Rennen kann es verkraften, wenn Wunschfahrer fehlen.

Dieter Stein, der Sportliche Leiter, sieht das Ganze auch als eine Gratwanderung: „Bei den Jubiläen möchten wir alles bisher Dagewesene natürlich noch toppen, aber so viel Möglichkeiten gibt es da nicht“, sagt er. Auch alte Sechstagefahrer, die zu Zeiten des Sportpalastes und der Deutschlandhalle noch ein ganz anderes Fluidum erlebt hatten, sind vom heutigen Standard angetan. Der 73-jährige Berliner Klaus Bugdahl, mit 37 Siegen der mit Abstand erfolgreichste Deutsche unter den Sechstagefahrern, erzählt: „Wir sind ja damals nächtelang gefahren, aber jetzt ist eine andere Zeit, und das Berliner Sechstagerennen in der Gegenwart macht sehr viel Spaß.“ Seine große Zeit hatte Bugdahl vor allem in den 60er Jahren. Ein besonderer Rekord wurde bereits 1924 aufgestellt. Auf der 200 Meter langen Piste der Ausstellungshalle am Kaiserdamm waren beim 12. Sechstagerennen vom deutschen Paar Krupkat/Huschke 4544,200 Kilometer zurückgelegt worden. Undenkbar in den heutigen Zeiten, in denen die 45-Minuten-Jagden das Maximum sind. Kurze, sportlich hochwertige Programmpunkte mit extrem spannenden Finals, so lautet längst das Erfolgsrezept für Sechstagerennen. „Meine Aufgabe wird es auch bei den Jubiläen sein, die Fahrerpaare so zusammenzustellen, dass die viele Paare bis zum Schluss um den Sieg mitfahren“, erzählt Dieter Stein.

Dazu würde auch Jens Voigt gern mal gehören. „Wenn ich fahre, dann will ich auch erfolgreich sein, nicht 40 Runden hinter dem Sieger sein. Etwa einen Monat brauche ich zur Vorbereitung“, sagt er. Die Lust darauf ist ihm deutlich anzusehen. Beim 100. Berliner Sechstagerennen 2011 wäre Voigt erst 39 Jahre alt.

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