Sport : Runter vom Fahrrad

Warum sich die Formel-1-Teams stärker in China engagieren

Hartmut Moheit

Seefeld. Der Auftritt dauert zwar nur fünf Minuten, aber für Ho-Pin Tung ist etwas ganz Besonderes gewesen. Bei der Ehrung aller Sieger, die für BMW irgendwo auf der Welt in einer Rennserie erfolgreich waren, bekam der junge Chinese einen Pokal überreicht. An seiner Seite stand der kleine Südkoreaner Kyoung-onk You, auch er war in der vergangenen Saison in der Formula BMW Asia seine Rennrunden gefahren, und der Aufsteiger des Jahres geworden. Für beide Rennfahrer gab es bei der traditionellen Jahresabschlussfeier des Münchner Autokonzerns, die diesmal in Seefeld in Tirol stattfand, normalen Beifall. Im Mittelpunkt standen ganz andere. Allen voran Juan Pablo Montoya und Ralf Schumacher aus der Formel 1, die großen Stars im Team.

Ho-Pin Tung aber, den kannten wirklich nur Insider. Das wird sich am kommenden Donnerstag erheblich ändern, dann nämlich darf der 20-Jährige erstmals einen Tag lang im spanischen Jerez einen BMW-Williams, also einen Formel-1-Boliden testen. Und natürlich wird gleichzeitig auch Tung, der in der Nähe von Arnheim in Holland aufgewachsen ist, besonders scharf unter die Lupe genommen. „Für mich geht damit ein Traum in Erfüllung“, sagt er zu seinem bevorstehenden großen Tag in Andalusien, „ich haben mich seit Wochen mit speziellem Ausdauer- und Lerntraining darauf vorbereitet. Der Testtag in einem BMW-Williams war der Preis für seinen Gesamterfolg bei der Formel BMW Asia, bei der er von 14 Rennen allein zehn gewonnen hatte.

„Das ist eine ganz wichtige Rennserie für uns, die wir nun weltweit zur besten Nachwuchsserie im Formelsport ausbauen wollen“, bewertet BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen die zweite Saison, und dann kam er zum Kern dieser Aktivitäten auf dem asiatischen Kontinent: „In China eröffnet sich uns ein Markt für die Zukunft. Mit dem ersten Formel-1-Grand-Prix 2004, wird der Motorsport dort erst den richtigen Boom erleben.“ Gerade wurde in China mit dem Verkauf der ersten dort gebauten 5er- Modelle von BMW begonnen, aber der Absatz läuft noch nicht nach den Vorstellungen der Münchner. Über die Formel 1 im Land der Milliarden Fahrräder das Interesse am Auto zu verstärken, ist für Theissen das Ziel.

Es ist also nicht verwunderlich, dass auch andere Teamchefs von Formel-1-Rennställen, hinter denen in der Regel bekannte Hersteller stehen, nunmehr verstärkt nach Talenten aus diesem Bereich schauen, um mit deren Hilfe ihre Marke stark präsentieren zu können. McLaren-Mercedes hat aus dem Reich der Mitte bereits einen Fahrer in die Ausbildung genommen, andere waren wenigstens schon mal dort. Der Trend ist eindeutig: sie wollen wenigstens schon mal Präsenz zeigen. Wenn das Tabakwerbeverbot in der Formel 1 durchgesetzt ist, werden neue Sponsoren dringend gesucht. BMW hat offensichtlich einen besonders guten Griff getan, denn Ho-Pin Tung, der sich mittlerweile ein zweites Zuhause in Wenzhou geschaffen hat, ist in China bereits sehr populär. „Jeden Abend muss ich mich an den Computer setzen, die Erlebnisse des Tages ganz genau aufschreiben, beispielsweise auch, mit wem ich gesprochen habe und was denjenigen an China interessiert hat, und das dann per E-Mail den Medien senden“, berichtet Tung mit Stolz. Im „Shanghai Daily“ gab es schon komplette Seiten über ihn. Und jeden Tag kommen neue Geschichten hinzu.

Nachdem am Donnerstag der Test für Tung abgeschlossen ist, wird er sogar extra in seine Heimat fliegen, dort eine Pressekonferenz über diesen Tag geben. „Ich werde auch beim ersten Grand Prix in der Formel 1 bestimmt eine besondere Rolle, vielleicht im Fernsehen und im Rundfunk bekommen“, sagt er, „aber welche, das ist noch nicht sicher.“ Aber das größte Ziel bleibt es für ihn, so weit wie möglich an die Formel 1 heranzukommen. Denn Tung weiß, „der Test ist eine Chance, mehr nicht“. Entschieden ist, dass er die BMW Formula Asia als Titelverteidiger nicht noch einmal bestreiten wird. Tung will einen Schritt weiter gehen. Da er fünf Sprachen fließend beherrscht, ist es für ihn kein Problem, irgendwo in eine andere Rennserie einzusteigen.

Ob Tung dann jemals tatsächlich in der Formel 1 auftauchen wird, hängt nicht nur von seinem fahrerischen Können ab. Mario Theissen legt deshalb für den Testtag nicht nur Wert auf einen möglichst großen Highspeed: „Das Verständnis für die Komplexität in der Formel 1 ist wichtig, wie man mit den weit über 700 Pferdestärken umgeht und keinen Crash produziert.“ Tung weiß, was auf ihn zukommt: „Angst habe ich nicht.“ Die fünf Minuten in Seefeld könnten ihm noch mehr an Selbstvertrauen gegeben haben. Auch die Stars haben bei Tung geklatscht.

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