Russland - Deutschland : Vorentscheidung in Moskau

Wer qualifiziert sich für die WM 2010? Im Duell zwischen Russland und Deutschland fordert der Aufbruch die Restauration heraus. Die jungen Russen haben ihren Zenit noch nicht erreicht, Deutschland stagniert derzeit.

Sven Goldmann[Moskau]
304151_0_2418bbce.jpg
Die größte Gefahr geht von Andrej Arschawin aus. Der schnelle russische Angreifer hat sich auch beim FC Arsenal durchgesetzt....pixathlon

Am Freitag hat der Russische Fußball-Verband offiziell seine Bewerbung für die Fußball-WM 2018 vorgestellt. Sie soll im Zeichen eines starken Russland stehen, das macht sich gut an einem Tag, an dem der amerikanische Präsident den Friedensnobelpreis bekommt. Verbandspräsident Witali Mutko und der frühere Nationaltorhüter Rinat Dassajew plaudern im Kaufhaus GUM am Roten Platz angeregt über eine glanzvolle Zukunft. „Russland ist an der Reihe“, sagt Mutko. Die deutsche Nationalmannschaft soll es zu spüren bekommen, nicht erst 2018, sondern schon an diesem Samstag.

Ein Sieg im vorletzten und entscheidenden Qualifikationsspiel würde den Russen mit einiger Sicherheit einen festen Startplatz bei der WM im kommenden Jahr in Südafrika bescheren. Den Deutschen reicht schon ein Unentschieden, einen Sieg im letzten Spiel am kommenden Mittwoch in Hamburg gegen Finnland einmal vorausgesetzt. Bei einem Erfolg heute wäre Deutschland durch.

Zur Aufführung kommt in Moskau das Duell zwischen Aufbruch und Restauration, zwischen neuem und altem Europa. Staunend haben die Russen unter ihrem holländischen Trainer Guus Hiddink entdeckt, wie gut sie sind. Die Überraschungsmannschaft der Europameisterschaft hat ihren Zenit noch nicht erreicht. Den Deutschen tut man kein Unrecht mit der These, dass bei ihnen seit dem verlorenen EM-Finale gegen Spanien bestenfalls Stagnation herrscht. Beim Hinspiel in Dortmund hatte das Establishment alle Füße voll zu tun, ein 2:1 gegen die wütend angreifenden Russen über die Zeit zu bringen. Joachim Löw weiß, was auf ihn zukommt. „Das wird ein ganz besonderes Spiel zweier Mannschaften, die auf sehr hohem Niveau spielen können“, sagt der Bundestrainer, „und es gibt mir schon ein gutes Gefühl, dass wir nicht unbedingt gewinnen müssen.“

Moskau empfängt die deutsche Mannschaft nicht gerade liebevoll zum Spiel des Jahres. Der Herbst geht langsam über in den Winter. Es ist kalt und regnerisch, und wer den Berliner Verkehr laut und anstrengend findet, der sollte mal zur Rushhour über die zwölfspurige Straße „Nowy Arbat“ fahren. Damit es zu keinen Krawallen kommt, patrouilliert reichlich Militär, auch in den heillos überfüllten Metro-Stationen. Die Züge fahren alle 50 Sekunden, und man stellt sich lieber nicht vor, was passiert, wenn die Berliner S-Bahn hier das Management übernehmen würde. Das Fußballspiel spielt keine große Rolle im Straßenbild. Es gibt kaum Plakate, wozu auch, die 72 000 Plätze des Luschniki-Stadions im Südwesten Moskaus sind seit Monaten ausverkauft.

Philipp Lahm sagt, für Spiele wie das gegen Russland lebe man als Fußballspieler. Der Münchner hat sich rechtzeitig zum Spiel des Jahres ein verwegenes Kinnbärtchen wachsen lassen, was nicht so recht zu seinem sanften Wesen passt (aber genau das ist wohl beabsichtigt). Mit den Russen verbinden ihn trotz des 2:1-Sieges im Hinspiel nicht nur angenehme Erinnerungen. Auch Philipp Lahm gehörte zu der Mannschaft des FC Bayern, die 2008 im Halbfinale des Uefa-Cups eine unfassbare 0:4-Niederlage gegen Zenit St. Petersburg bezog. Es war dies ein erstes unübersehbares Zeichen für die sich verändernden Machtverhältnisse. Für das Aufbegehren des neuen Europas gegen das alte.

Der Abwehrspieler Lahm lacht, er mag nicht weiter sprechen über St. Petersburg, über die dramatischen Abwehrschwächen und die zwei Tore von Pawel Pogrebnjak, der jetzt in Stuttgart spielt. „Das war Klubfußball, jetzt spielen wir gegen die Nationalmannschaft.“ Was die Sache nicht eben einfacher macht, denn die besten Russen verdienen ihr Geld zurzeit in den besten Ligen Europas, wo sie nicht unbedingt schlechter geworden sind.

Das russische Fachblatt „Sport“ zeigt auf seiner Titelseite den jubelnden Mittelstürmer Roman Pawljutschenko. Den hätte Hertha BSC vor ein paar Wochen ganz gern nach Berlin geholt, aber Tottenham Hotspur verweigerte die Freigabe für den Mann, der bei der Europameisterschaft 2008 gemeinsam mit Andrej Arschawin den größten Eindruck gemacht hatte. Arschawin spielt seit einem halben Jahr ebenfalls im Londoner Norden, bei Tottenhams Erzfeind FC Arsenal.

Einer von beiden bekommt es auf dem Kunstrasen des Luschniki-Stadions vielleicht mit Arne Friedrich zu tun. Der Kapitän von Hertha BSC ist eine Option für Löw, auf der Position des rechten Außenverteidigers oder aber im Abwehrzentrum. „Es gibt da schon ein paar Dinge, über die ich noch nachdenken muss“, sagt der Bundestrainer. Sollte Friedrich wie zuletzt bei Hertha auf der rechten Seite spielen, bekäme er den vielleicht schwersten Job auf dem Platz, nämlich die direkte Auseinandersetzung mit Arschawin, dem Wunderkind des russischen Fußballs.

Arschawin ist annähernd perfekt im Dribbling und ausgestattet mit einer radarähnlichen Spielübersicht. Und er schleicht sich bevorzugt über den linken Flügel an. In einer vergleichbaren Situation hat Friedrich vor gut 15 Monaten eines seiner besten Länderspiele gemacht. Das war im EM-Viertelfinale gegen Portugal, als er dem Weltstar Cristiano Ronaldo allen Spaß an Dribblings und Flankenläufen nahm.

Löw weiß, dass er sich in kritischen Situationen auf den Berliner verlassen kann. Wenn schon die Stürmer kriseln, muss zumindest die Abwehr dichthalten. „Ein Erfolgserlebnis in Moskau würde der Mannschaft schon enormes Selbstvertrauen geben“, sagt der Bundestrainer. Die Situation erinnert ein wenig an das EM-Qualifikationsspiel im Prager Frühling des Jahres 2007. Damals gewannen die Deutschen 2:1 und beeindruckten mit der besten Leistung in Löws nun schon gut drei Jahre währender Amtszeit. Das in Prag gewonnene Selbstbewusstsein trug die Nationalmannschaft bis ins EM-Finale von Wien. Ein Dacapo in Moskau käme gerade zur rechten Zeit für eine erfolgreiche WM in Südafrika.

0 Kommentare

Neuester Kommentar