Russland rätselt : Das Rezept von 2008 greift nicht mehr

Statt eines Neuanfangs klammert sich Russland zwanghaft an das Rezept von 2008. Damals schaffte es die Mannschaft ins Halbfinale - diesmal kam das Aus genauso früh wie überraschend.

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Fassungslos. Stoßstürmer Pawel Pogrebnjak konnte gegen Griechenland in einem planlos agierenden russischen Team keine Akzente setzen.
Fassungslos. Stoßstürmer Pawel Pogrebnjak konnte gegen Griechenland in einem planlos agierenden russischen Team keine Akzente...Foto: dapd

Es gab genug Szenen an diesem Abend, die keinen kalt ließen. Weinende Kinder, die nicht verstehen konnten, warum „Polska“ nicht mehr mitspielt in einem Turnier, das im eigenen Land stattfindet. Frauen und Männer, denen Tränen über das Gesicht liefen und die sich dieselbe Frage stellten. Es war die Nacht der Trauer, die Polen erlebte, als sein Nationalteam ausschied – ohne ein Spiel zu gewinnen. Die Bilanz war 2008 genauso ernüchternd, aber dieses Mal fand das Drama im eigenen Land statt, das schmerzte ganz besonders.

Wie konnte es sein, dass diese Mannschaft scheitert? Ein Team, in dem Bundesligastars stehen wie Robert Lewandowski, Jakub Blaszczykowski, erfahrene Profis wie Lukasz Piszczek aus Dortmund, Eugen Polanski aus Mainz und Sebastian Boenisch aus Bremen. Zweieinhalb Jahre lang hatte sich der EM-Gastgeber auf sein Turnier vorbereitet. Am Ende stand ein desaströses Ergebnis. Dabei schien ein Ausscheiden praktisch unmöglich zu sein.

Auf dem Rasen von Breslau klatschten die polnischen Spieler pflichtschuldig und bemüht Beifall, um sich zu bedanken. Die Zuschauer sangen aufmunternde Lieder. Der große Traum war geplatzt. Die polnischen Spieler sanken kraftlos zu Boden. Robert Lewandowski versteckte sein Gesicht hinter seinen Händen. Jakub Blaszczykowski starrte ins Leere. Sie wussten in dem Moment, Polen würde lange brauchen, um diesen Rückschlag zu verkraften. „Wir müssen all das erst einmal begreifen. Es ist so bitter und hart“, stammelte Blaszczykowski. Der Kapitän versuchte es mit Pathos: „Wir danken den Polen für ihre Unterstützung. Wir haben in diesem Turnier viele schöne Momente erlebt, daran müssen wir denken.“

Hatten sich die Polen etwas vorgemacht, als es um die Qualität ihres Kaders ging? Waren sie gescheitert, weil die Angst vor dem Versagen zu groß war? Weil sie die Erwartungen nicht in positive Energie umwandeln konnten? In keinem Spiel gelang es ihnen, zu überzeugen. Über die Mannschaft als Team wurde kaum gesprochen, die neuen Botschafter des polnischen Fußballs, die Geschichten über die smarten und im Westen erfolgreichen Lewandowski und Blaszczykowski waren dafür umso erdrückender. Dem polnischen Fußball aber fehlt der Unterbau, die Liga liefert kaum Alternativen. Am Ende waren die Polen mit ihrer Rolle überfordert. Es musste vieles zu schnell gehen, um mit der Wirklichkeit Schritt zu halten.

Am Tag danach machte dafür ein Kabinenkrach die Runde, losgetreten von Blaszczykowski. „Es kann nicht sein, dass wir vor jedem Spiel um Tickets für unsere Familien beim Verband betteln müssen“, sagte Blaszczykowski. Die Vorwürfe galten dem polnischen Verbandspräsidenten Grzegarz Lato. „Der Präsident sagt, er habe ein gutes Verhältnis zum Team. So etwas kann ich aber nicht bestätigen. Es gab jedes Mal ein anderes Problem. Herr Lato hat nie sein Wort gehalten.“

Zu Nationaltrainer Franciszek Smuda sagten die Nationalspieler kein Wort. Man darf davon ausgehen, dass das von manchem in den kommenden Tagen nachgeholt wird. Bitter enttäuscht saß der Nationaltrainer hinter den Mikrofonen, rang stockend nach Erklärungen. „Die Mannschaft war zurückhaltend, als hätten wir Angst gehabt vor den Tschechen“, sagte er. Ratlos und wie gelähmt hatten sie nach dem Sturmlauf reagiert. „Wir waren auf diese Situation nicht vorbereitet. Vielleicht haben wir uns mit allem zu sicher gefühlt“, sagte Smuda. „Wir haben überhaupt nicht daran gedacht, was passiert, wenn wir es nicht schaffen. Wir waren übermotiviert.“

Dann kam die Frage nach seinem Rücktritt, die auch Smuda erwartet hatte. Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort und hinterließ dennoch Verwirrung. Nachdem Smuda angedeutet hatte, bleiben zu wollen, verkündete der 63-Jährige im Interview mit dem Sender „TVP“ seinen Rücktritt: „Das ist zu einhundert Prozent das Ende meines Weges. Mein Vertrag läuft mit dem Ende der EM aus.“ An einem der bittersten Abende der polnischen Fußballgeschichte stand der Gastgeber auch noch ohne Trainer da.

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