Sport : Sabine Braun erlebt in Sevilla einen "bitteren Siebenkampf" und endet medaillenlos

Mit schmerzverzerrtem Gesicht taumelte sie durch die Katakomben des Olympiastadions von Sevilla, bat fast flehentlich um eine Flasche Wasser und presste mit letzter Anstrengung über die Lippen: "Das war wohl der bitterste Siebenkampf meiner Karriere." In einem für Sabine Braun eher untypischen Mehrkampf hatte die 34 Jahre alte Wattenscheiderin alles gegeben, hielt aber am Ende nichts in den Händen, weil ihr die Kleinigkeit von 21 Hundertstelsekunden im 800-m-Lauf an Platz drei und der Prämie von rund 36 000 Mark für Bronze fehlte.

"Sechs Meter hätte ich ihr Vorsprung geben dürfen, am Ende waren es wahrscheinlich 6,30 Meter", so Braun, die nach der totalen Erschöpfung langsam wieder zu sich kam, um neue Qualitäten zu offenbaren. "Meine Gemütsverfassung ist nur mit dem Wort Scheiße zu beschreiben, aber selbst in diesem Moment bin ich fest davon überzeugt, dass die ersten Drei für mich nicht unerreichbar sind", wirkte die stets zerbrechlich wirkende Siebenkämpferin plötzlich wieder gefestigt.

Ihre Nachfolgerin Eunice Barber, die sich mit 6861 Punkten auf den siebenten Platz der "ewigen Weltbestenliste" vorschob, sieht sie "am Optimum" angelangt, Großbritanniens zweitplazierte Europameisterin Denise Lewis (6724) habe stets "Höhen und Tiefen", und Syriens Olympiasiegerin Ghada Shouaa (6497) sei "keinesfalls übermächtig". "Ich setze voll auf das nächste Jahr, werde im Winter konzentriert arbeiten und für Olympia voll angreifen", so Braun.

"Sabine ist für mich ein Phänomen. Was sie aus ihrem Körper herausholt, ist bewundernswert. Sie hat einfach toll gefightet", lobte ihr Trainer Wolfgang Stein, der im April die Nachfolge von Brauns "Ziehmutter" Gertrud Schäfer angetreten hatte. Als "Weichei" verschrieen, wenn es darum ging, auf die Zähne zu beissen, entdeckte Sabine Braun "nach einer Reise durch mich selbst" ausgerechnet am Ende ihrer Karriere neue Qualitäten: "Ich kann mich mittlerweile selbst an den Haaren aus dem Sumpf herausziehen." Dass sie allerdings ausgerechnet einen "Aussetzer" im Weitsprung erlebte - statt 6,17 hätten 6,18 m am Ende zu Bronze gereicht - entbehrte nicht einer gewissen pikanten Note: Wolfgang Stein war zu Beginn der 80-er Jahre verantwortlich für den deutschen Männer-Weitsprung.

Die Gegnerinnen seines Schützlings schmiedeten ebenfalls schon Zukunftspläne. Barber, in Sierra Leone geboren und für Frankreich erste Siebenkampf-Weltmeisterin, sprach von durchaus noch "verbesserungswürdigen Disziplinen", und eine vor Selbstbewusstsein strotzende Ghada Shouaa will möglichst schnell wieder ganz oben stehen. Während sie Getränke in sich hineinkippte, um die Auflage der Dopingprobe erfüllen zu können, studierte sie die Ergebnislisten und sagte in gutem Deutsch: "Die Denise Lewis müsste ich nähstesMal schlagen können, ich fühle mich absolut fit."

Ihrem Trainer Axel Schaper, der 1988 schon Christian Schenk zum Olympiasieg geführt hatte, hatte sie allerdings die letzten Nerven geraubt. "Warum sie sich beim Lauf andauernd umgedreht hat, kann ich absolut nicht erklären. Sie hatte es doch drauf und hätte die Sache viel einfacher haben können", klagte Schaper. Da konnte sich die Weltmeisterin von 1995 ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen: "Ich hatte doch alles im Griff", meinte sie.

Die in ihrer Heimat wie eine Volksheldin vereehrte Shouaa scheint wieder für große Taten gerüstet. "Ihre Physis ist wieder völlig intakt", so Schaper, der gemeinsam mit Siggi Wentz, WM-Zweiter im Zehnkampf von 1987, die in Simmern im Hunsrück wohnende Shouaa nach deren Bandscheibenvorfall, zugezogen beim Speerwurf-Training, in die Weltspitze zurückgeführt hat. Selbst ein Autounfall im Mai vorigen Jahres durchkreuzte seinerzeit die Comeback-Pläne von Ghada Shouaa nur vorübergehend. Nun ist sie wieder eindrucksvoll in die Arena zurückgekehrt, strebt im nächsten Jahr die Wiederholung ihres Olympiasieges an. "Jetzt kann ich mich auf Sydney konzentrieren", erklärte sie.

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