Sport : Saddams Supertrainer

Bernd Stange wird heute Iraks National- und Olympiacoach

Robert Ide

Berlin. Im Sheraton-Hotel von Bagdad fühlt sich Bernd Stange schon lange nicht mehr zu Hause. Telefon und Faxgerät fallen mehrmals am Tag aus, einen funktionierenden E-Mail-Anschluss gibt es nicht, und täglich nerven Portiers und angebliche Betreuer mit unangemeldeten Besuchen. Bernd Stange will in den nächsten Tagen umziehen – allerdings nicht zurück in seine deutsche Heimat. Der Fußballtrainer bleibt für die nächsten vier Jahre im Irak. Stange, der einstmals die DDR-Nationalauswahl betreute, wird nun Nationalcoach im Staate Saddam Husseins. Nach Informationen des Tagesspiegel unterschreibt er heute den Vertrag.

„Es gibt kein Zurück mehr“, bestätigt Stange am Telefon. Auf einer Pressekonferenz am Samstagabend soll der 54-Jährige öffentlich seine Unterschrift leisten. Die Verhandlungen mit dem irakischen Fußballverband, die sich mehr als einen Monat hinzogen, hätten damit ein Ende. Wenn nicht wieder etwas dazwischen kommt.

Die Vertragsgespräche in Bagdad waren nicht immer friedlich verlaufen. Zuletzt kam es häufiger zum Streit. So verlangte Stange – zunächst vergeblich – eine Klausel, nach der er im Kriegsfall das Land sofort verlassen darf. Auch wollte er sich zusichern lassen, dass er sich nicht zu politischen Fragen im Irak äußern muss. Schließlich gab es noch Meinungsverschiedenheiten über sportliche Dinge. Die irakischen Funktionäre wollten Stange dazu überreden, sich vorrangig um die Olympiamannschaft des Landes zu kümmern und das junge Team für die Spiele 2004 in Athen fit zu machen. Stange dagegen beharrte darauf, die Nationalmannschaft aufzubauen und diese im Jahre 2006 zur WM nach Deutschland zu führen. Nun sind die Gespräche beendet – und Stange hat sich in fast allen Punkten durchgesetzt.

„Sportlich kann mir niemand reinreden“, sagt Stange stolz. Der Vertrag, der eine Laufzeit bis zum 30. August 2006 hat, macht ihn zum Supertrainer am Golf. Stange soll sowohl das irakische Olympiateam als auch die Nationalelf übernehmen. Im Vertrag wird ihm nach eigener Darstellung die „alleinige sportliche Verantwortung in allen Bereichen“ zugesichert. Stange, der nach seiner Entlassung als Nationaltrainer des Oman ein Jahr lang arbeitslos war, berichtet: „Im Irak habe ich alle Mannschaften unter mir.“

Auch politisch entspricht der Vertrag den Vorstellungen des Deutschen. So enthalte das mehrseitige Werk eine Klausel, nach der er sich nur zu sportlichen Fragen öffentlich äußern muss. Wegen der heftigen Kritik von Trainerkollegen und dem Deutschen Fußball-Bund an seinem Engagement in einer Diktatur hatte Stange auf diesem Passus bestanden. Um die Schelte zu entkräften, verweist Stange neuerdings gern auf die anstehende Bagdad-Messe, bei der sich 51 deutsche Firmen um Geschäftsabschlüsse im Irak bemühen. „Bin ich da nicht nur ein Bauernopfer?“, fragt Stange.

Bleibt noch der Krieg. Doch auch in diesem Punkt fühlt sich der Trainer sicher. „Der Vertrag endet, wenn durch Krieg oder Erdbeben die Sicherheit meiner Familie gefährdet ist“, sagt Stange. Mit Familie meint Stange vor allem seine Frau Dorothea. Die Krankenschwester und Altenpflegerin will ihrem Mann in den nächsten Wochen nach Bagdad folgen. Stange hat sich bereits für sie bei Hilfsorganisationen um einen Job bemüht und damit auch Erfolg gehabt. Nun, nachdem die Vereinten Nationen eine neue Irak-Resolution verabschiedet haben, zögert Bernd Stange allerdings wieder: „Solange hier noch Ungewissheit herrscht, will ich, dass meine Frau zu Hause bleibt.“

Zu Hause heißt in diesem Fall Jena.

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