Sport : Sag’ zum Abschied laut Servus

Ballack hinterlässt grantelnde Bayern – doch er lässt sich das Feiern nach dem Pokalsieg nicht verbieten

Michael Rosentritt

Berlin - Simone Lambe trug zum Mitternachts-Bankett ein dünnes Sommerkleidchen und umschwirrte Michael Ballack. Beide sind seit Jahren liiert und haben inzwischen drei Kinder. Doch in dieser Nacht in Berlin-Mitte, jener nach dem Pokalsieg, schien dem Fußballprofi die Anwesenheit seiner Lebensgefährtin besonders gut zu tun. Gerade eben war er von Franz Beckenbauer scharf angegriffen worden. Er, Ballack, schone seine Kräfte für den FC Chelsea, hatte Beckenbauer nach dem Pokalfinale gegen Frankfurt gegrantelt. „Ich habe mich gefragt: Spielt er mit, oder spielt er nicht mit? Er bewegte sich überhaupt nicht und das geht schon seit Monaten so.“ Beckenbauer war auf hundertachtzig. Ballack hatte ganz andere Gefühle: „Wenn der Franz das sagt“, sagte Ballack nur und beendete seinen Satz mit einem gehauchten „Hahaha!“. Er schnappte sich seine Lebensgefährtin und konterte erst einmal das Feier-Verbot, das Vorstandschef Karl- Heinz Rummenigge wegen des anstehenden Meisterschaftsfinales verhängt hatte. „Es ist wichtig, dass wir jetzt feiern, und alle, die hier sind, werden das auch tun“, sagte Ballack.

Innige Freunde werden sie wohl nicht mehr, die Herren Ballack, Beckenbauer und Rummenigge. Letzterer hatte schon vor Wochen gestänkert. „Wir brauchen einen Spieler, der Führungsqualität hat. Da haben wir ein Vakuum“, hatte Rummenigge nach dem Aus in der Champions League gesagt. „Effenberg war ein Stratege, eine große Führungskraft auf dem Platz. Ballack wird dafür stehen, dass er der kopfballgefährlichste Mittelfeldspieler ist oder war, der je beim FC Bayern gespielt hat.“ Solche Sätze stünden für sich, sagte Ballack knapp, er mag sie nicht mehr kommentieren.

Auf der Pokalparty präsentierte sich Ballack gelöster als auf dem Spielfeld zuvor. Er schlenderte mit dem güldenen Pokal durch die hübsch gedeckten Tische mit seinen Mitspielern dran. „Es ist schwierig, dem Franz zu widersprechen“, sagte Ballack, „aber mir kann keiner vorwerfen, dass ich mich hier nicht bis zum Ende reinhänge. Ich habe immer die Knochen hingehalten.“

Für ihn wäre es ein Traum, könnte er sich nun mit dem Double aus Pokalsieg und Meisterschaft verabschieden. Wenn der HSV am Dienstag in Köln nicht gewinnen sollte, könnten die Bayern am Mittwoch mit einem Heimsieg gegen Stuttgart den 20. Meistertitel perfekt machen. Dass Ballack gelb-gesperrt fehlen wird, ist laut Beckenbauer kein großer Verlust. „So wie er spielt, ist er momentan nicht der große Gewinn.“

Am 13. Mai wird Ballack das letzte Mal für die Bayern auflaufen. Er könnte sein viertes Münchner Jahr mit dem dritten Double abschließen. Bei den Bayern habe er einen Vierjahresvertrag unterschrieben, um Titel zu gewinnen. „Ich freue mich für die Fans und die Mannschaft, dass uns das gelungen ist“, sagte Ballack. Er wird gehen, die Sticheleien der Bayern-Bosse aber werden noch eine Weile bleiben. Seit seinem ersten Arbeitstag beim FC Bayern sieht Ballack sich latent dem Vorwurf ausgesetzt, sich nicht richtig mit dem Verein zu identifizieren. Vor zwei Jahren galt die Trennung als perfekt. Der FC Barcelona wollte ihn für 20 Millionen Euro aus dem Vertrag kaufen, kurz darauf erklärte Rummenigge Ballack für „unverkäuflich“. Zweifel aber blieben auf beiden Seiten.

Der FC Bayern wird den besten deutschen Fußballer verlieren. Beckenbauer und Rummenigge, die in ihrer aktiven Karriere den FC Bayern verließen, um im Ausland zu internationalem Ansehen zu gelangen, nehmen es dem Sachsen übel, dass er geht, ohne dass er für sie die Champions League gewann, was ihm zuvor in Leverkusen fast gelungen war. Noch im vorigen Herbst hatten sie dem Nationalmannschaftskapitän einen mit 36 Millionen Euro dotierten Vierjahresvertrag angeboten. Ballack zögerte. Jetzt hat er sich entschieden. „Ich bin jetzt 29 und möchte im Ausland spielen. Die Bayern sind ein Weltklasseverein, deshalb habe ich mir so lange Zeit gelassen.“

Michael Ballack wird sehen, ob er sich in einer stärkeren Liga durchsetzen und einer der ganz Großen des Fußballs werden kann. Die Bayern aber werden sich fragen müssen, ob sie in der momentanen Spieler-Zusammensetzung groß genug sind für den wirklich großen Fußball. Ein Ballack-Nachfolger allein reicht da nicht.

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