• Saisonauftakt im Skispringen: Severin Freund: „Wir reiten auf der Rasierklinge“

Saisonauftakt im Skispringen : Severin Freund: „Wir reiten auf der Rasierklinge“

Zum Saisonbeginn spricht Olympiasieger Severin Freund über Gefühle beim Springen, seltene Zufriedenheit und Musik als Hilfe.

Severin Freund, 26, hat im vergangenen Winter die erfolgreichste Saison seiner Karriere erlebt: Er wurde Team-Olympiasieger und Skiflug-Weltmeister. Wenn am Samstag (16 Uhr/Eurosport) mit dem Team-Springen im sächsischen Klingenthal die neue Weltcup-Saison beginnt, gehört der Bayer wieder zu den am stärksten eingeschätzten Athleten.
Severin Freund, 26, hat im vergangenen Winter die erfolgreichste Saison seiner Karriere erlebt: Er wurde Team-Olympiasieger und...Foto: AFP

Herr Freund, Sie sind nun Team-Olympiasieger und Skiflug-Weltmeister – trotzdem bekommen Sie nicht so viel Aufmerksamkeit wie früher Sven Hannawald oder Martin Schmitt.

Das ist vollkommen in Ordnung. Ich brauche das nicht, um zu wissen, was ich erreicht habe.

Warum ist der Rummel um Sie, nun da am Samstag in Klingenthal die neue Saison beginnt, kleiner als um Ihre Vorgänger?

Erst mal bin ich noch ein Stückchen weit weg von ihren Erfolgen. Und es gab damals ein aufgebautes Medieninteresse. Ich habe jetzt aber nie das Gefühl, dass wir untergehen. Zugleich sind wir noch in der Pflicht, etwas zu bringen. Außerdem wollen wir ja erst auf dem Weg zum Hoch sein.

Spüren Sie dennoch, dass Sie nach den Erfolgen der vergangenen Saison anders wahrgenommen werden?

Ich merke schon, dass mich mehr Leute erkennen. Da hat Olympia einiges verändert, Olympia hat einfach einen anderen Horizont. Aber ich starte jetzt ja trotzdem bei null Punkten.

Sie haben es mittlerweile also verinnerlicht, wie schnell es im Skispringen schwanken kann?

Skispringen ist immer ein fragiles System. Und man ist permanent auf der Suche, wie man dieses System stabilisieren kann. Selbst wenn du richtig gut in Form bist, kann es dir passieren, dass du drei vollkommen unterschiedliche Wettbewerbe erlebst. Deswegen glaube ich: Man muss es einfach nüchtern betrachten.

Fällt das Ihnen nicht schwer?

In dem Moment, in dem man gerade Vierter geworden oder gestürzt ist, ist es natürlich schwer. Aber es geht gar nicht anders, als darauf nüchtern zu blicken. Natürlich muss man sich ärgern. Doch wenn man sich an der Wut und dem Frust aufhängt, wird es nicht besser. Man muss einen Weg finden, damit fertig zu werden und es in etwas Positives zu verwandeln.

Was ist dafür entscheidend?

Wenn man versucht, den Status quo festzuhalten, ist es zu spät. Selbst wenn du extrem gut in Form bist, darfst du nicht denken: das friere ich jetzt ein. Das funktioniert bei uns nicht. Dieser Aspekt macht das Skispringen extrem faszinierend, aber manchmal auch sehr frustrierend. Denn so oft du Probleme hast und nicht weißt warum, passiert es dir oft auch, dass du genau dann in einen Flow kommst, wenn du es gar nicht erwartest.

Wie schafft man es, in diesem Flow zu bleiben?

Man wird nie das eine Rezept für den Erfolg haben. Ich glaube aber, ich werde immer besser darin, den richtigen Rhythmus zu finden. Ich weiß immer stärker, was ich technisch brauche und mental.

Wann sind Sie zufrieden mit Sprüngen?

Es ist weniger vom Ergebnis abhängig als von dem, was ich auf der Schanze mache, was ich dort sehe, was ich fühle. Es gab Wettbewerbe, die habe ich gewonnen und ich wusste: Die Sprünge waren nicht das, was ich kann. Ich hatte eben gute Bedingungen oder sonst irgendwas. Genauso gab es Wettkämpfe, da wusste ich, dass ich gut gesprungen bin, aber es hat nicht sollen sein. Generell bin ich mit sehr wenigen Sprüngen absolut zufrieden. Ich bin manchmal nah dran. Der perfekte Sprung gelingt aber nur sehr selten. Weil es von so vielen Einflussfaktoren abhängig ist. Außerdem: Wenn du suchst, findest du in allen Sprüngen Potenzial.

Ist es überhaupt gut, zufrieden zu sein im Skispringen?

Man muss zufrieden sein können, sonst wird es schnell verkrampft. Genauso braucht man immer die Vision, wo es hingehen kann. Wenn man die nicht hat, rutscht man schnell ins Einfach-nur-machen ab. Das ist aber nicht zielgerichtet.

Könnten Sie mittlerweile noch einen einfachen Sport ausüben?

Wahrscheinlich nicht mehr (lacht). Aber welcher Sport ist schon einfach, wenn man ihn auf einem gewissen Niveau betreibt. Es hängt immer an Kleinigkeiten und was bei uns hinzukommt, sind all die äußeren Faktoren. Da wird es dann schon hochtechnisch.

Seite 1 von 2Artikel auf einer Seite lesen

0 Kommentare

Neuester Kommentar