Saisonende : Hertha geht unterkühlt in den Sommer

Hertha BSC nimmt interne Unstimmigkeiten mit in die Spielpause: Kapitän Arne Friedrich fragt sich immer noch, warum Lucien Favre ihn zum Saisonfinale nicht spielen ließ.

Sven Goldmann
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Winke, Winke. So freundlich, wie Arne Friedrichs Geste vermuten lässt, ist die Stimmung bei Hertha nicht. Foto: dpa

Am Sonntagabend sind der Trainer und sein Kapitän ein letztes Mal in dieser Saison einander über den Weg gelaufen. Bei der Mitgliederversammlung von Hertha BSC hielten Lucien Favre und Arne Friedrich kurze Reden, später am Abend stießen sie in der Fischerhütte am Schlachtensee auf die kommende Saison an. Diskutiert haben sie in den letzten Tagen ohnehin viel und ausführlich darüber, warum Friedrich die letzten beiden Bundesligaspiele nur von der Ersatzbank aus erleben durfte. „Ich habe Arne meine Entscheidung klar und deutlich erklärt“, sagt Favre und dass er natürlich die Enttäuschung des Kapitäns verstehe, „aber das ist nun mal Sache des Trainers“.

Inzwischen verabschiedete sich Lucien Favre von der Mannschaft. Den Urlaub wird er auf den Malediven verbringen, Arne Friedrich reist nach Asien – mit der Nationalmannschaft geht es jetzt nach Schanghai. In bester Harmonie sind die beiden Hertha-Führungsfiguren offenbar nicht auseinander gegangen. Am Montag nun hat Friedrich getan, was sein Trainer gar nicht schätzt, er hat seinen Unmut über die Versetzung auf die Ersatzbank noch einmal öffentlich ausrichten lassen. In einem Interview mit der „Bild“-Zeitung sagte Friedrich unter der Überschrift „Favre hat mich sehr enttäuscht“ Sätze wie: „Ich war absolut fit und heiß und hätte dem Team helfen können. Das muss jetzt der Trainer verantworten.“ Oder: „Als Kapitän muss man in so einer wichtigen Phase spielen.“ Und: „Ich bin Profi genug, er ist Profi genug. Aber hängen bleibt natürlich immer was.“

Hängen bleiben wird wohl Unverständnis auf beiden Seiten. Bei Arne Friedrich, dass der Trainer in der wichtigsten Saisonphase nicht auf ihn vertraute und ihm damit vielleicht die Chance nahm, einmal in der Champions League zu spielen. Am Freitag wird er 30, da denkt man schon mal über die Perspektive seiner Karriere nach. Lucien Favre wiederum wundert sich, dass sich überhaupt die Frage nach Friedrich stellt. „Schauen Sie mal zu Manchester United, wie Alex Ferguson dort mit Rio Ferdinand umgeht“, sagt der Schweizer. Rio Ferdinand ist der anerkannt beste Innenverteidiger beim anerkannt besten Klub der Welt, er hat 72 Mal für England gespielt, aber seitdem er vor drei Wochen im Spiel beim FC Arsenal eine Muskelverletzung davontrug, lässt ihn Sir Alex zappeln – mit dem Argument, Ferdinand sei nicht fit genug. Vor einem Einsatz im Champions-League-Finale am Mittwoch gegen den FC Barcelona verlangte Ferguson von Ferdinand eine angemessene Generalprobe im letzten Ligaspiel gegen Hull City. Mit dem Zwischenergebnis, dass der Verteidiger gegen Hull keine einzige Minute spielte.

Arne Friedrich ist nicht Rio Ferdinand, aber für Herthas Stabilität hält man ihn für ähnlich wichtig. Favre verweist darauf, „dass Arnes letztes Spiel lange her ist“. Exakt zwei Monate vor dem Saisonfinale verletzte er sich in Stuttgart, das Comeback drei Wochen später gegen Dortmund endete mit einer Knieverletzung. Favres Vertrauen in Friedrichs innere Heilkräfte dürfte seitdem einigermaßen angeknackst sein. Offenbar traute Herthas Trainer seinem Kapitän die äußerste Belastung zum Saisonschluss nicht mehr zu. Zudem sah er sich gegenüber Friedrichs Vertreter in der Pflicht: „Ich trage Verantwortung für die ganze Mannschaft“, erklärt Lucien Favre. „Steve von Bergen hat in der Innenverteidigung gut gespielt, und einen Spieler wirft man nun mal nicht wie ein Kleenex weg.“

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