Sport : Saisonziel Sicherheit

Terek Grosny spielt heute wieder im eigenen Stadion Es soll Symbol für Normalität in Tschetschenien sein

Elke Windisch[Moskau]

Der Eintritt ist heute frei. Aber das Fußballstadion in Grosny wäre wohl auch sonst brechend voll. Denn zum letzten Mal wurde hier vor knapp vierzehn Jahren gekickt. Im Herbst 1994. Nur Wochen später versuchte Russland, die Rebellenrepublik Tschetschenien, die sich 1991 für unabhängig erklärt hatte, zurück in sein Reich zu bomben.

Terek Grosny darf heute zum ersten Mal wieder im eigenen Stadion spielen, der Bilimschanow-Arena. In der vergangenen Woche hatte der russische Fußball-Verband seine Erlaubnis dazu erteilt. Es soll ein politisches Symbol sein, dass wieder etwas Normalität nach Tschetschenien einkehrt. Für den Klubpräsidenten Ramzan Kadyrow ist es auch eine persönliche Genugtuung.

Kadyrow ist auch Präsident Tschetscheniens. 2004 kam sein Vater im Fußballstadion in Grosny bei einem Bombenattentat ums Leben. Jetzt kehrt der Fußball wieder dorthin zurück. Kadyrow gilt als Marionette Moskaus. Mit eiserner Faust wollte er Ordnung schaffen und dafür sorgen, dass Tschetschenien allmählich aus den Negativschlagzeilen der Westpresse verschwindet. Der Frieden in seiner Region ist jedoch nur ein Scheinfrieden auf Anweisung von Russlands Machthaber Wladimir Putin. Denn bei der Friedensregelung blieben die Separatisten außen vor. Der ungelöste Konflikt ist längst in andere Regionen des Nordkaukasus übergeschwappt.

Nun soll der Fußball gute Nachrichten liefern. Schon im Herbst handelte Kadyrow mit dem Gouverneur der Wolga-Region Samara aus, dass die dortige Mannschaft Krylja Sowjetow das Rückspiel gegen Terek in Grosny austragen würde. Der Deal sollte eine Art offizieller Schlussstrich unter eine Tragödie sein, die bis zu 200 000 Menschenleben forderte.

Ein Politikum also für Russlands Fußballverband, der prüfen musste, ob ein Stadion den hehren Anforderungen für Spiele der Premjer-Liga genügt. Die Abnahmekommission hätte daher womöglich sogar Bombentrichter auf dem Spielfeld ignoriert, sie rügte bei ihrem ersten Besuch im November jedenfalls nur fehlende Sitzplatzkapazitäten und schlechtes Licht. Obwohl der Rasen damals kaum mehr als eine Viehweide war. Für Terek war das Grund genug, sich gleich nach der Neugründung 2001 im 350 Kilometer entfernten Kislowodsk niederzulassen.

Zurückkehrte die Mannschaft erst Anfang März. Zusammen mit den Kommissaren des Verbandes, die alle Mängel als erledigt abhakten. Ihrem Bericht zufolge verfügt das Stadion jetzt über 10 200 Sitzplätze. Scheinwerfer mit einer Leistung von 1400 Lux, Metalldetektoren und insgesamt 30 Kameras für die Videoüberwachung sollen Terroristen auf Distanz halten. Unter den Tribünen gibt es sogar Toiletten mit Wasserspülung. Und eine Presse-Lounge. Doch wer soll sich da aufhalten? Für Journalisten – russische wie ausländische – ist Tschetschenien nach wie vor Krisengebiet, die Einreise nur mit Sondergenehmigung und in Gruppen unter Bewachung von Presseoffizieren möglich. Auch die Spieler sind zur Sicherheit im 30 Kilometer entfernten Gudermes untergebracht. Die Stadt ist das Quartier des Kadyrow-Clans und neben dem Kreml in Moskau momentan der mit Abstand sicherste Ort in ganz Russland. Eben dort wird sogar ein nagelneues Hotel mit 70 ebenfalls neuen Betten eröffnet. So jedenfalls steht es auf der Internetseite von Terek, die in Superlativen schwelgt, den Praxistest meist jedoch verweigert. Wer die Fotogalerie des wiederaufgebauten Stadions anklickt, bekommt vom System die Meldung, der virtuelle Rundgang sei eingeschriebenen Mitgliedern des Fanklubs vorbehalten. Zu besichtigen sind nur Fotos von Siegen bei Auswärtsspielen und ein Schnappschuss nach dem ersten Training in Grosny. Auf halbwegs intaktem Rasen und vor einer halbwegs intakten Stadtkulisse. Terek, hofft Kadyrow in seiner Grußadresse an die Spieler, sei die neue nationale Idee, der kleinste gemeinsame Nenner für die noch immer tief gespaltene aber traditionell fußballbegeisterte tschetschenische Gesellschaft.

Dann wünscht er Gästen wie Gastgebern Glück. Das können beide auch verdammt gut gebrauchen: Terek belegt in der Premium-Liga momentan Rang 16 und ist damit Tabellenletzter, Krylja Sowjetow steht auf Platz 13.

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