Sport : Same procedure as every season

Christian Hönicke

Der berüchtigte Promireporter Michael Graeter hat letztens das irdische Dasein in einem einzigen Satz zusammengefasst: Das Leben bestehe aus zwei Säulen – Geld und Sex und sonst gar nichts. Wer das infrage stellt, muss nur einmal die Boxengasse der Formel 1 betreten. Dort wird er schnell feststellen, wer die Grand-Prix-Szene in ihrem Innersten zusammenhält: Es ist ein Klub ehrenwerter Herren, die nicht nur an der Produktion schneller Wagen interessiert sind. Sogar einer aus ihrer Mitte hat die Runde vor kurzem als „Ansammlung von Selbstdarstellern“ beschrieben. Ob nun Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone, Fia-Präsident Max Mosley, Ferrari-Chef Luca di Montezemolo oder etwa Renault- Teamchef Flavio Briatore – keiner von ihnen hat die Bescheidenheit erfunden.

Hier ist auch der wahre Grund für den derzeit eskalierenden Machtkampf um die Formel 1 zu finden. Im Grunde lässt sich der nämlich ebenfalls auf einen Satz reduzieren: Die Rennställe der Teamvereinigung Fota wollen mehr von der ersten Säule (alternativ bisweilen auch Macht, Mitspracherecht oder fairer Umgang genannt), Max Mosley fürchtet um die Vorherrschaft seines Automobil-Weltverbands. Die Aufregung um die drohende Abspaltung der acht Rennställe mag größer sein als früher, aber das Prozedere ist im Kern dasselbe wie eh und je. Um ihre Interessen durchzusetzen, rasseln die Selbstdarsteller mit den Säbeln, stampfen mit den Füßen auf oder – um im Bild zu bleiben – rasen Seit an Seit mit Vollgas auf die Mauer zu, um zu schauen, wer als Erster bremst. Diesmal aber sind die Herren schon ziemlich dicht vor der Mauer. Die abtrünnigen Teams und der selbstgewisse bis selbstherrliche Mosley lassen bei der Planung für die kommende Saison ein Ultimatum nach dem anderen verstreichen, um zu unterstreichen, wie ernst es ihnen ist. So langsam müsste mal einer bremsen. Die Frage ist: Wer bremst zuerst?

Immerhin hat Mosley schon einmal leicht den Fuß vom Gas genommen. Zwar kündigte der Brite reflexartig rechtliche Schritte gegen die angestrebte Konkurrenzrennserie der Fota an, aber die damit verknüpfte Verschiebung der Benennung des Starterfelds für die kommende Saison auf einen unbestimmten Termin ist auch ein Signal. Mosley hat Entschlossenheit und Einigkeit der Fota unterschätzt – seine Versuche, sie zu spalten, blieben erfolglos. Wenn es mit ihm an der Spitze noch eine Lösung geben soll, muss er einlenken. Denn sollte er Branchengrößen wie Ferrari oder McLaren-Mercedes wirklich in die Flucht treiben, würde er, der selbst einen Sexskandal überstanden hat, wohl auch Fia-intern unter Druck geraten.

Mosley hat sich nun erst einmal mehr Zeit erkauft. Die wird er nutzen müssen, um – womöglich unter Moderation von Ecclestone – doch noch zu einer Beilegung des Streits zu gelangen. Schließlich weiß er genauso gut wie die anderen Herren, dass eine Teilung der Ressourcen und eine Verdopplung des Risikos gerade in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation ziemlich blöd wäre. Und man kann den ehrenwerten Herren des Formel-1-Clubs ja eine Menge vorwerfen, aber Blödheit bestimmt nicht.

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