Sami Khedira : Der nächste Matthias Sammer?

Im November 2013 verletzte sich Sami Khedira schwer. Die Monate danach waren eine Demonstration seines ungeheuren Willens. Unser Autor hat ihn in der Reha getroffen.

Christoph Biermann
Sich biegen bringt Siege.
Sich biegen bringt Siege.Foto: AFP

Es war der erste Montag im März und noch lange nicht klar, ob es für Sami Khedira reichen würde. Sein rechtes Bein, wo an der Innenseite des Knies noch gut die Operationsnarbe zu sehen war, hatte Khedira in eine Presse eingespannt zum Krafttraining nach dem Riss des Kreuz- und Innenbandes. Er schaute konzentriert auf den Computerbildschirm links von seinem Sitz, der ihm die Frequenz der Wiederholungen vorgeben würde. Dann legte er los, und augenblicklich wurde eine ungeheure Kraft freigesetzt. Khediras Körper bäumte sich auf, seine schwarzen Haare flogen hin und her. Die ganze silberne Apparatur bebte, als er das rechte Bein hochriss. In diesem Moment in der Klinik von Klaus Eder in Donaustauf sah man nicht einem Sportler bei der Rehabilitation zu, sondern einem Naturereignis.

Zweifel blieben danach keine mehr. Es war irgendwie nicht vorstellbar, dass Sami Khedira nicht rechtzeitig zur Weltmeisterschaft fit sein würde. Dass er den genau ausgeklügelten Zeitplan nicht einhalten würde, der schon mit der Verletzung begonnen hatte, als Khedira am 15. November 2013 noch aus dem Krankenwagen in Mailand alle Ärzte angerufen hatte, um 15 Stunden später in Augsburg operiert zu werden. Und völlig nachvollziehbar war auch die Entscheidung von Bundestrainer Joachim Löw, der Khedira zur Ausnahme von Regel erklärt hatte, nur hundertprozentig fitte Spieler nach Brasilien nehmen zu wollen. Allein in den wenigen Minuten in der Kraftmaschine offenbarte Khedira eine Unbedingtheit des Willens, auf die keine Fußballmannschaft der Welt freiwillig verzichtet.

Auf den Spuren von Breitner, Sammer und Co.

Als Khedira später an jenem Tag sprach, die Hände vor sich auf dem Tisch zusammengelegt und mit offenem Blick, redete er leise und formulierte druckreif. Doch später beim Abhören des Interviews wirkten die Sätze weit weniger eindringlich als bei der persönlichen Begegnung. Bei Matthias Sammer ist das ähnlich, der im Gespräch unter vier Augen auch fesselt. Doch bei beiden sind es nicht die Sätze, die sie sagen, sondern wie sie sie sagen.

Der Vergleich mit Sammer liegt auf der Hand. Gestählt durch die Erfahrung einer schweren Verletzung kann Khedira mit inzwischen 27 Jahren endgültig zu einem jener Spieler werden, wie sie jede erfolgreiche deutsche Nationalmannschaft hatte. Ernste Männer mit fanatischem Leistungswillen, Ehrfurcht einflößend und erschreckend zugleich: Paul Breitner und Uli Hoeneß, Lothar Matthäus und eben Matthias Sammer.

Mit Khediras Sprache auf dem Platz ist es ähnlich wie mit den Sätzen, die er sagt. Er ist nicht besonders schnell, und sein Passspiel wird auch mit zunehmender Spielpraxis nie an das der leichtfüßigen Künstler um ihn herum heranreichen. Aber zugleich denkt man: Gut, ihn der eigenen Mannschaft zu haben, und dass er ein Albtraum für jeden Gegner sein muss. Deshalb hat ihn José Mourinho bei Real Madrid beharrlich gegen die mäkelige spanische Presse verteidigt, der Khedira zu schwerfällig und unelegant wirkte: „Ronaldo is for magic, Khedira is for winning“, lauteten Mourinhos Worte.

Deshalb hat Carlo Ancelotti Khedira den Tagen nach der Verletzung ständig angerufen und jeder Unterstützung versichert. Deshalb hat er ihn mit nur 80 Minuten Spielpraxis im Finale der Champions League beginnen lassen. Und deshalb hat Löw ihm besagtes Sonderrecht eingebaut. Im Auftaktspiel gegen Portugal lief Khedira dann 11,3 Kilometer. Bei 28 Grad Celsius. Mehr rannten nur Kroos und Götze.

Khedira reißt die anderen mit

Er ist ein Spieler, dessen pure Anwesenheit jede Mannschaft besser macht, weil kein Weg zu weit, kein Job zu schmutzig ist: einen Zweikampf hier, einen zugestellten Raum dort. Vermutlich mag man sich in seiner Nähe auch als Mitspieler keine Nachlässigkeiten erlauben. Für den Bundestrainer ist er zudem die Antwort auf eine Sehnsucht, die in Deutschland wohl nie aufhören wird: die nach dem Führungsspieler. Der Sohn eines tunesischen Vaters, der ohne Schulabschluss nach Deutschland kam und sich als Stahlarbeiter bescheidenen Wohlstand erarbeitete, steht wie kein anderer in der Mannschaft für die vermeintlich deutschen Tugenden, für Willenskraft, Wucht, Verbissenheit und bedingungsloses An-die-Grenze-gehen.

Im Trainingslager in Südtirol hat Khedira daran erinnert, wie kompakt die deutsche Mannschaft 2010 gewesen und dass 2012 einiges davon verloren gegangen sei. Er mahnte, sie solle „ein bisschen mehr arbeiten, ein bisschen weniger glänzen“. Man könnte auf den ersten Blick meinen, das 4:0 über Portugal hätte ihn widerlegt. Aber allein die Aufstellung mit Höwedes und Boateng als Außenverteidigern, mit Arbeitspferden statt nervösen Galoppern, dürfte in seinem Sinne gewesen sein. Und vielleicht ist der Tag nicht fern, an dem alle die Khediraisierung des deutschen Spiels deutlich erkennen werden.

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